Es fehlt den Olympischen Spielen nicht an Abgründen, menschlichen und anderen. Michelle Dumaresq, Mountainbike-Abfahrerin, Mitglied der kanadischen Equipe, kam als Michael auf die Welt. Nach einer Geschlechtsumwandlung stürzt sie sich, nach eigenem Bekunden, wesentlich unbeschwerter in die Abfahrten. Die Gegnerinnen hoffen bloß, dass mit dem Geschlechtsapparat auch das Lungenvolumen auf ein weibliches Maß geschrumpft ist.

Ungewissheiten auch in transnationalen Angelegenheiten. Die Dreispringerin Jamile Aldana kam in Kuba zur Welt. Nach den Spielen von Sydney floh sie aus ihrem Land, um einen Schotten zu heiraten. Weil der in krumme Geschäfte verwickelt war, verzögerte sich die Einbürgerung in Großbritannien. Schließlich fand Aldana barmherzigen Unterschlupf im Sudan. Jetzt winkt dem Land, das von Hunger und Krieg bedroht ist, auch noch eine Goldmedaille.

Damals in Sydney verlor die kubanische Baseball-Mannschaft das Endspiel gegen die USA, und diese Niederlage verletzte den patriotischen Stolz der kubanischen Revolutionsführer sehr. Weil sich die Gringos für Athen nicht qualifiziert haben, steht den Kubanern der Weg zu Gold in Athen offen. Leider müssen sie einige ihrer Besten zu Hause lassen. Aus Angst, die würden abhauen und den historischen Feind erneut verstärken.

Der kenianische 3000-Meter-Hindernis-Läufer Stephen Cherono lief ins Emirat von Qatar über. Die heimischen Funktionäre, gab er an, wüssten nichts anderes zu tun, als sich am Erfolg der Athleten zu bereichern. Damit lag er falsch. Die Funktionäre wussten sehr wohl zu verhindern, dass Stephen Cherono als Saif Saeed Shaheen für sein neues Land starten kann. Sie bestanden auf Paragrafen und ließen ihn sperren.

Anders liegen die Gründe für die Abwesenheit zahlreicher amerikanischer Leichtathletikstars. Seit ihre Beziehungen zu einem Dopinglabor ruchbar geworden sind, scheint ihnen das Pech an den Füßen zu kleben. Und sie kommen einfach nicht auf schnelle Zeiten.

Besagtes Labor unterhielt Geschäftsbeziehungen bis hin nach Griechenland. Da ist man gespannt auf das Abschneiden der einheimischen Läuferstars, jetzt, wo ein Zeppelin in die dunkelsten Winkel der Olympiastadt leuchtet.

Oder vielleicht wäre es doch besser, man würde die Spähkameras in den Sudan schicken, wo sie wirklich etwas zu tun hätten, und dafür die Seitensprung-Konkurrenz wieder freigeben, offen für alle, über die Grenzen der Geschlechter und der Nationen hinweg, mitmachen ist wichtiger als siegen.