In einem grauen Betonkasten in Bottrop, Ruhrgebiet, steht ein Mann im blauen Arbeitsanzug und sagt etwas über den deutschen Steinkohlenbergbau, ohne über den deutschen Steinkohlenbergbau zu sprechen. Er hat schon viel geredet an diesem Morgen, er hat dabei auf Rohre aus Stahl gezeigt, die Kessel aus Stahl miteinander verbinden und dann unter der Decke des 15 Meter hohen Kastens verschwinden, nach draußen, wo es riecht, wie hier nur die Emscher riecht, ein bisschen faulig, schwer und süß. Er hat Zahlen genannt, sehr schnell, er hat sich verloren im Innenleben des grauen Kastens, der hinter einer hohen Baumreihe kaum auffällt und nur von der Bundesstraße 224 aus gut zu sehen ist. Zweimal schon hat man nachfragen müssen, ehe der Maschinist Joachim Marga von einem Diagramm an der Wand aufschaut und erklärt, warum der Kasten steht, wo er steht. Weil hier nämlich früher das Flüsschen Boye in die Emscher gemündet sei, bis es irgendwann absank, zu tief, um die Emscher noch zu erreichen. So tief, dass man den grauen Kasten bauen musste, der nun mit all seinem Stahl die Boye in die Emscher pumpt.

Joachim Marga sagt: "Ja, wenn hier unser Pumpwerk nicht wäre, dann hätten Sie doch gar nicht herkommen können mit dem Auto. Dann wäre hier natürlich ein großer See."

Er sieht jetzt ein wenig erstaunt aus. Er klingt, als habe man ihm eine überflüssige Frage gestellt. Und er sagt nicht, dass die Boye nur deshalb abgesunken ist, weil man unter ihr Steinkohle abgebaut hat. Vielleicht weil man das als Besucher eines Pumpwerks eigentlich wissen sollte. Vielleicht aber auch, weil es um Bottroper Selbstverständlichkeiten geht.

In einem hellen Büro in Herne, 20 Autominuten vom Pumpwerk Boye in Bottrop entfernt, sagt ein hagerer Mann mit Krawatte: "Bergbau verursacht ja nun leider Schäden." Emanuel Grün, leichte Bräune im kantigen Gesicht, verschränkt die Arme vor der Brust. Es sind gute Tage für ihn, in den vergangenen Wochen hat man über seinen Arbeitgeber, die Deutsche Steinkohle AG, kurz DSK, ein bisschen anders gesprochen als sonst. Es ist dabei häufiger das Wort Versorgungssicherheit gefallen und weniger häufig das Wort Subventionen, auf das Menschen aus dem deutschen Steinkohlenbergbau sonst immer mit gewundenen Sätzen reagieren. Weil auch sie wissen, dass deutsche Steinkohle nur noch verkauft werden kann, wenn der Staat mehr als 100 Euro pro Tonne dazuzahlt, zwei Milliarden Euro im Jahr. Das Wort Subventionen ist so etwas wie ein Graben, der in diesem Land die Kohlefreunde von den Kohlegegnern trennt, und über den Graben hinweg streiten sie darüber, ob man weiterzahlen soll.

Emanuel Grün, 48, als Chefmarkscheider zuständig für alle Abbauvorhaben der DSK, sagt: "Neuerdings dürfen wir ja auch wieder sagen, wir sind wieder wer." Der Graben ist ein bisschen schmaler geworden.

Weit von Herne entfernt wächst Chinas Volkswirtschaft immer schneller und produziert dabei mehr Stahl als je zuvor. Um Stahl zu produzieren, braucht man Koks, den China nun nicht mehr in so großen Mengen exportiert wie bisher. Koks ist knapp geworden auf dem Weltmarkt, man zahlt dort bis zu 500 Dollar für die Tonne, die man vor zwei Jahren noch für 70 Dollar bekam. Besonders hart trifft das die Stahlindustrie in Deutschland, dem Land, das im vergangenen Jahr mehr Koks importiert hat als jedes andere. Gleichzeitig steigt der Ölpreis immer weiter. Das Wort Versorgungssicherheit hat jetzt wieder Konjunktur. In einer Anzeigenkampagne der DSK-Muttergesellschaft RAG etwa: "Deutschland geht die Kohle aus". In den Worten Werner Müllers, früher Bundeswirtschaftsminister, heute Vorstandschef der RAG, der die Koksknappheit zu einem volkswirtschaftlichen Schaden von mehr als zehn Milliarden Euro hochrechnete. In einem eilig dementierten Zeitungsbericht, wonach Kohlegegner aus Hessen und Bayern gefordert hätten, weiter Subventionen zu zahlen. Und in den Worten von Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander, der seine Partei aufforderte, "neu über eine nachhaltige Energieversorgung in Deutschland nachzudenken". Was heißen kann, neue Kokereien aufzumachen, in denen man aus Kokskohle Koks macht. Oder mehr Kokskohle selbst zu fördern. Sanders Partei ist die FDP, eine Partei, in der es eigentlich keine Kohlefreunde gibt. Die auf der anderen Seite des Grabens steht. Eigentlich.

Emanuel Grün sagt: "Man muss das ja auch mal historisch betrachten. Wir haben unter dem Ruhrgebiet in 150 Jahren 10 Milliarden Kubikmeter Material rausgeholt, ohne das Gemeinwohl zu schädigen. Das ist doch ’ne unglaubliche Leistung."