Mehrere Jahre lang benutzte ich ein Aftershave mit dem Namen "Cool Water".

Ich stelle mir einen Mann vor, einen Chef. Der Chef kommt ins Büro, stellt sich vor seine Leute hin und sagt: "Wir müssen unser Produkt für die Bewohner der Stadt Kiel attraktiver machen. Eine Studie hat ergeben, dass wir in Kiel nicht gut ankommen. Ab sofort gilt die Maxime: Alles für den Kieler! Jeder Mitarbeiter hat herauszufinden, was der Kieler will, wie der Kieler es will, und dieses unverzüglich in die Tat umzusetzen. Jeder Einzelne muss ein Stück weit kieliger werden. Von unserer gesamten Firma muss der Eindruck eines kompromisslosen, jegliche Schmerzgrenze ignorierenden Bekenntnisses zu Kiel ausgehen." Ein Mitarbeiter meldet sich. "Wäre ein Bekenntnis zum Großraum Rhein-Ruhr ökonomisch gesehen nicht interessanter? Oder China! Moment, Chef, ich hole mal eben die Bevölkerungszahlen…" Der Chef wird rot und beherrscht sich mühsam. "Sie begreifen es nicht. In Kiel wird die entscheidende Schlacht geschlagen."

Genauso ist es mit der Jugend. Oft lese ich in der Zeitung, dass irgendein Produkt ein jüngeres Image bekommen soll. In der gleichen Zeitung steht, dass es in Deutschland bald mehr 100-Jährige gibt als 15-Jährige. Die Alten verhalten sich in ihrer Zahl zu den Jungen wie das Land China zu der Stadt Kiel. Die Chefs sollten sagen: "Wir müssen von unserem Erscheinungsbild her älter werden." Das wäre eine vernünftige Aussage. Aber vernünftig sind sie ja nicht. Es sind Wahnsinnige am Werk. Ich bin gerne mit jungen Menschen zusammen. Sie sehen in der Regel besser aus als alte Menschen. Sie singen, tanzen, schreiben füreinander kleine Gedichte. Sie lachen und klatschen dazu in die Hände. Aber es sind nur noch wenige. Wann ist mit der Jugend Schluss? Spätestens mit 35. Ein Verbraucher, der 100 wird und ab 25 Geld in nennenswertem Umfang verdient, ist 10 Jahre lang Jungverbraucher, 65 Jahre lang Nichtjungverbraucher. Die Werbeleute sagen: "Junge können wir beeinflussen, Ältere nicht." Dies aber ist nur teilweise richtig.

In der Werbung für "Cool Water" traten junge Männer mit Waschbrettbäuchen auf. Sie kraulten im Wasser. Männer, mit denen ich mich identifizieren könnte, müssten am Beckenrand sitzen, sich düstere Gedanken machen und Weinschorle trinken. Oder sie schauen unauffällig den Mädchen am Sprungturm zu. Seit ich auch noch die Meniskusprobleme habe, finde ich die "Cool Water"-Männer regelrecht unangenehm. In meinen Augen sind das Faschisten. Da habe ich im Fernsehen mehrmals einen dürren, lederhäutigen Mann mit Pferdeschwanz und langen Zähnen gesehen. Er redete wirr, dies aber auf geistig anregende Weise. In einem Buch von Max Goldt wird beschrieben, wie der gleiche Mann einmal mit Otto Waalkes in einer Talkshow sitzt. Otto erzählt extrem peinliche Witze. Der Moderator tut so, als ob er sie lustig findet. Der alte Mann verzieht keine Miene. Während die anderen sich vor Heiterkeit fast wegwerfen, starrt er mit dem Gesichtsausdruck eines Leguans geradeaus. Ab und zu zuckt verächtlich sein Schildkrötenhals. Seit einiger Zeit benutze ich das Aftershave "Lagerfeld".

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