Auf dem Beipackzettel eines Sonnenöls fand ich einmal den Satz: "Auch die Sonne hat ihre Schattenseiten." Wohl wahr! Schon der Sommer ist eine solche, denn er macht den Touristen zum "Sommerfrischler", den Ohrwurm zum "Sommerhit" und die "Sommerliebe" zum "Sommerloch-Thema". Ja, selbst die stets sachliche CSU wahlkämpfte mal mit dem Slogan: "Sommer, Sonne, CSU" und errang damit die absolute Mehrheit.

Seit das Sommerloch in den Neunzigern seine Themenkarriere begann, kam das Lochartige immer stärker zum Vorschein. Seit aber Wissenschaftler auf seismische Aktivität zurückführten, was wir immer als das Schnaufen des Ungeheuers von Loch Ness interpretierten, sucht die Völkerpsychologie Erklärungen dafür, dass Menschen über Jahre das Fehlen von Politik und Fußball durch die Beschäftigung mit Tieren in Löchern sublimierten. Seither hat die Beobachtung stöhnender Liebespaare die Betrachtung schnaufender Monster abgelöst. Vive la différence!

Es war Sommer. Da ging der verwirrte Dichter Nikolaus Lenau an einer Büste Platons vorbei und sagte: "Das ist der Mann, der die dumme Liebe erfunden hat."

Es ist Sommer, und inzwischen ist die platonische Liebe so dumm, dass sie nicht mehr so heißen darf. Sie heißt jetzt "Walken" und ist so etwas wie die Luftgitarre des Gesellschaftslebens. Walk-Man Udo Waltz, der Friseur der Mächtigen, walkt neben Sabine Christiansen, Rechtsanwalt Wolfgang Seybold walkt neben Uschi Glas, Joop walkt neben sich selbst. Es geht ein Walken durch das Land, das unfruchtbare, gefolgt von Walken und Talken. Auch dafür gibt es Bayreuth, die croisette für Walküren, wo Prominente in erschütternden Kleidern das Glück der Paare spielen, ehe sie sich Schlingensiefs Avantgarde der Herzen stellen.

In der Liebe, sagte Michel de Montaigne, sei es das Wichtigste, den richtigen Zeitpunkt zu finden, das Zweitwichtigste, den richtigen Zeitpunkt zu finden und das Drittwichtigste, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Er meint: Das Timing muss stimmen, und das stimmte bei Guido Nazionale. Sommerzeit, und das Leben ist einfach, dachte der sich, die Fische springen, die Baumwolle steht hoch. Da will auch ich mich vor die Boulevardpresse begeben und zeigen, dass ich bin, was alle wissen. Das passt in die Produktlinie zu (T)Raumschiff Surprise.

Früher wurde Praunheim wegen Outings zu Rosa non grata. Heute outet sich der liberale Prominente selbst. Und so kam es, dass Guido Westerwelle seinen Lebensgefährten auf die Geburtstagsparty von Angela Merkel mitbrachte. "Ja, es ist Liebe", schrie die Bunte, und dieses Outing, flankierte der s tern, kann Partei, Koalition, Union, ja die "Selbstwahrnehmung des ganzen Landes" verändern.

Da sieht man plötzlich die ganze Welt durch die rosa Brille. Nachdem in den letzten Jahren turnusmäßig Thomas Mann, Goethe und Hitler für schwul erklärt wurden, tritt auch der lebende Schwule aus dem Schatten seiner Diskriminierung: Schwule heiraten, Schwule machen Volksmusik, Schwule adoptieren Kinder und arbeiten als TV-Kommissare oder Politiker. Inzwischen haben es die Schwulen in die Bundeswehr geschafft, gehören zum Abschreckungspotenzial des Landes, und Egon Friedell steht ganz allein mit dem Satz: "Ich kann nicht verstehen, wie man schwul sein kann, das Normale ist doch schon unangenehm genug."