Utopia ist das schmutzige Geheimnis der Architektur. Im Grunde ihres Wesens behauptet jede Architektur, die Welt zu verbessern. Doch wie alle, die jemals mit Utopia in Berührung gekommen sind, wurden die Architekten dafür schwer bestraft. Einer Hand voll zerbrechlicher Modelle stehen einhundert Millionen Opfer gegenüber. Der Architekt ist im Angesicht Utopias in einer unmöglichen Situation: Ohne Bezug darauf ist seine Arbeit wertlos. Doch mit diesem Bezug wird sie zur Komplizin schwerer Verbrechen.

Ich möchte eine Reise durch die Geschichte der letzten achtzig Jahre unternehmen, in deren Verlauf ich zeige, wie sich unsere Vorstellungen von Utopia verändert haben. Beginnen möchte ich in Russland, wo es in den Zwanzigern drei Sorten architektonischer Utopias gab: Wladimir Tatlin versuchte, ein neues politisches System zu repräsentieren. El Lissitzky versuchte, mit einem Ring horizontaler Wolkenkratzer am Moskauer Boulevard zu demonstrieren, dass eine neue Politik auch einen neuen Umgang mit der Schwerkraft bedeutet. Die beiden waren Künstler. Und dann gab es mit Moisej Ginzburg auch noch einen Architekten, der eine berühmte Kommune gestaltete. Als Berufsanfänger war ich von diesem Gebäude begeistert. Anstatt wie die Bauten von Tatlin und Lissitzky kühne Behauptungen aufzustellen, war dieses ein praktisches Gebäude, das geradezu vorschrieb, den Alltag zu verändern.

Jeder sollte dort den gleichen Raum erhalten. Befreit von den alltäglichen Lasten, konnte man darin leben, denn nebenan war ein Gemeinschaftsbau, der für Lektüre, Essen, Baden und das allgemeine Miteinander gedacht war. In dieser lächerlichen Einfachheit wurde das Gebäude zu einem so starken Wahrzeichen, dass ich es unbedingt sehen musste.

Als ich es zu Sowjetzeiten zum ersten Mal aufsuchte, tat die Aufpasserin alles, um zu verhindern, dass wir es überhaupt fanden. Das Haus war ihr peinlich, und sie fragte verzweifelt, wieso wir ausgerechnet diese Ruine sehen wollten. Damals habe ich die Frage nicht verstanden, doch als ich im letzten Jahr zurückkehrte, um mir einige frühere Utopias anzuschauen, verstand ich sie sehr wohl.

Die Marktwirtschaft hatte Ginzburgs Gebäude trotz seiner Bedeutung nicht gerettet, sondern dazu verurteilt, noch schneller zu verschwinden. Es wurde noch immer von einigen Familien bewohnt, die jetzt in einer Ruine lebten. Am traurigsten sah es im einstigen Penthouse des urbanen Visionärs Maljutin aus – eine der heiligsten Stätten moderner Architektur. Es wurde nach der Einführung der Marktwirtschaft von einer italienischen Möbelfirma dazu genutzt, eine neue Möbel-Linie für russische Yuppies zu präsentieren.

Ein weiteres Utopia, nur einhundert Meter vom ersten entfernt, war das Planetarium. In den jungen Jahren der Sowjetkultur gab es ein großes Interesse an der Mechanik der Gestirne, da man hoffte, dass soziale Prozesse nach ähnlich voraussagbaren Gesetzmäßigkeiten verliefen. Das machte das Planetarium zu einem utopischen Ort – der im Moskau der zwanziger Jahre eine unglaubliche Ingenieursleistung darstellte. Achtzig Jahre später ist das Gebäude noch intakt, aber kein Planetarium mehr. Es wurde an die Kinder russischer Yuppies vermietet, die mit Farbpistolen die Wände bearbeiten durften.

Ich wurde einmal von einer russischen Architektenfamilie eingeladen, die fünfzig Meter weiter an einem stalinistischen Boulevard aus der Nachkriegszeit wohnte. Der Boulevard war von Architekten gebaut worden, die aus dem Krieg heimgekehrt waren – für Generäle, die ebenfalls im Krieg gekämpft hatten. Die Architekten hatten entdeckt, dass sie selbst ein Dachbodengeschoss besetzen und von dort aus ihre Rolle in der Nachkriegsgesellschaft behaupten konnten. Dieses Dachgeschoss hat sich aufgrund der schieren Verdichtung sozusagen zu einem Inkubator für Architekten entwickelt. Durch die Beziehungen der Familien untereinander, ihre Kultur und das versammelte architektonische Wissen wurden dort immer wieder neue Generationen von Architekten geboren.

Die legendären stalinistischen Wolkenkratzer gehören zu den faszinierendsten Bauten, die ich kenne. Hinter ihnen stand die Idee, jeden der Türme des Kreml in einem überdimensionierten Maßstab noch einmal in den Stadtraum zu projizieren. So würde aus der gesamten Stadt das Innere eines virtuellen Kreml werden. Solche Metaphern in materielle Dimensionen übertragen zu wollen ist eine hochgradig utopische Form von Stadtplanung.