Sie ist eine der lukrativsten Branchen in den USA, doch ihren Firmen droht ein Skandal um illegale Marketingpraktiken. Schon seit Monaten steht die Pharmabranche in den Vereinigten Staaten mit dubiosen Machenschaften in den Schlagzeilen. Einige Firmen, so der Vorwurf, sollen Ärzte überredet haben, ihren Patienten Mittel zu verschreiben, die sie nicht brauchen, die sie besser nicht einnehmen sollten oder für die es billigere Alternativen gibt.

Damit nicht genug. Amerika ist eines der wenigen Länder, in denen es noch keine Preiskontrollen für Medikamente gibt. Die Arzneimittelkosten sind hoch. Und 526 Lobbyisten – fast so viele wie Abgeordnete im Kongress – sorgen in Washington dafür, dass das so bleibt. Doch seit immer mehr ältere Amerikaner im Greyhound Bus nach Kanada fahren, um sich dort mit Medikamenten einzudecken, die sie sich zu Hause nicht leisten können, kippt die Stimmung gegen die Pharmaindustrie. Immer häufiger wird eine schärfere Regulierung der Branche gefordert.

Bei alledem geht es den Herstellern ausgezeichnet: Im vorigen Jahr ist der Umsatz der verschreibungspflichtigen Mittel in den USA um 11,5 Prozent auf 216 Milliarden Dollar geklettert. Mit einer Gewinnspanne von durchschnittlich 14 Prozent für Verkaufsschlager wie Cholesterinsenker, Antidepressiva und Magenmittel wird sie von anderen Branchen beneidet.

Nun werden Vorwürfe lauter, dass die Branche Profit vor Patientenwohl stellt. Dass ihre Gier immer größer wird. Ihre Tricks immer raffinierter werden. Aufgedeckt wurden Schmiergeldzahlungen an Ärzte, Betrug an der Gesundheitskasse und das Marketing von Mitteln gegen Krankheiten, für deren Behandlung sie nicht zugelassen sind. In den USA dürfen Ärzte solche Arzneien auch gegen andere Leiden verschreiben, aber den Pharmaunternehmen ist es verboten, Werbung für diesen off label- Gebrauch zu machen.

Doch die Kontrolleure sind mit der Überwachung des Marketings überfordert. Die Food and Drug Administration hat weder das Geld noch das Personal, um die Branche genau zu überprüfen. Jetzt sind die Staatsanwälte in die Bresche gesprungen und haben die Rolle des Sheriffs übernommen. Schon seit einigen Monaten laufen ihre Ermittlungen auf Hochtouren. So haben Bristol-Myers Squibb, Johnson & Johnson und Wyeth Aufforderungen erhalten, Unterlagen herauszugeben. Auch Schering-Plough aus New Jersey sieht sich der Staatsanwaltschaft gegenüber: Laut der New York Times soll der Pharmariese Ärzte bestochen haben, damit sie ihren Patienten das Hepatitis-C-Mittel Intron A verschreiben. In einigen Fällen hätten Ärzte Schecks in Höhe von 10000 Dollar erhalten.

Die teuren Prozesse füllen die leere Staatskasse wieder auf

Mehr als zwei Milliarden Dollar gaben Pharmakonzerne in den vergangenen drei Jahren in den USA zur Beilegung von Klagen aus. So musste der zweitgrößte europäische Pharmakonzern AstraZeneca im vergangenen Jahr 355 Millionen Dollar wegen Marketings seines Prostatakrebsmittels Zoladex zahlen. Auch Bayer griff tief in die Tasche. Die Leverkusener zahlten 257 Millionen Dollar, weil sie der Kasse für das Antibiotikum Cipro zu viel berechnet hatten. "Es wird noch mehr Klagen geben", sagt Reed T. Stephens, ein Rechtsanwalt bei der Kanzlei Sonnenschein, Nath & Rosenthal. "Es ist, als würde die Büchse der Pandora geöffnet."

Eine unrühmliche Rolle spielte auch Warner-Lambert mit seinem Epilepsiemittel Neurontin. Das Unternehmen wurde vor vier Jahren von dem weltgrößten Pillenhersteller Pfizer übernommen. Schon Mitte der neunziger Jahre hatte David Franklin, ein ehemaliger Mitarbeiter, Warner-Lambert verklagt. Sein Vorwurf: Der Konzern würde das Mittel zur Behandlung von Schmerzen und anderen Krankheiten vermarkten, obwohl es dafür nicht zugelassen und in einigen Fällen wirkungslos sei. Außerdem habe das Unternehmen Schmiergelder an Ärzte gezahlt, damit diese ihren Kollegen Neurontin für unerlaubte Anwendungen weiterempfahlen.