Darf man eigentlich ungestraft wir sagen? Wir - wer ist das? Das Volk?

Drängende Fragen, die sich stellen angesichts des Guido-Knopp-Popsongs, mit dem der DJ Paul van Dyk und der Sänger Peter Heppner momentan das lädierte deutsche Ego aufzurichten trachten. Wir sind wir heißt der Versuch, 50 Jahre Geschichte in unter fünf Minuten abzuhandeln. Ein nationaler Feel-Good-Song, ein Erbauungs-Beat mit Videobildern von Trümmerfrauen und - Hurra! - dem so genannten Wunder von Bern. Nicht zu vergessen der wackere Osten, auferstanden aus Rosinen. Angesichts der Salonfähigkeit dieses staatstragenden Geschwiemels würde es nicht wundern, wenn demnächst die Scorpions Hartz IV vertonen.

Bevor es so weit kommt, sei als Gegengift die Hamburger Band Kante empfohlen.

Auf deren neuem Album Zombi (Kitty Yo / Labels) gibt es auch einen Song, der massiv von der ersten Person Plural Gebrauch macht. Wir sehen unmöglich aus (...) Wir laufen rum wie ohne Haut, (...) Wir sind die wunde Stelle mitten unter euch. Wir steht hier für eine Zombie-Armee, die durch eine tote Stadt zieht. Bleiche Ruinen, versteinerte Plätze, bleierner Schlaf. Wer hätte sich nicht schon einmal gefühlt wie ein lebender Toter? Diese Hymne können viele mitsingen im Jahr der Stagnation 2004. Zombi sei eine Platte über die Krise, sagt die Band. Eine Platte über den Mehltau auf unseren Seelen. Hier, wo die Zeit still steht, während die Welt sich dreht. Aber es ist auch: eine Platte über schlechte Laune, die gute Laune macht, weil sie die Depression so virtuos gestaltet.

Sie beginnt wie ein Abendflug in einen klaren Himmel, verhaltene Gitarrenakkorde, Bass, ein paar Becken. Moon Stars & Planes, eine Abreise ins Ungewisse. Schon das zweite Stück Schwaches Gift, das sich über fast zehn Minuten in unsere Adern schleicht und zu gewaltiger orchestraler Breite ausufert, zeigt, dass die virtuos über Zeilenenden gleitenden Texte nicht als Parolen taugen. Kante werden zur so genannten Hamburger Schule gezählt, wie auch Blumfeld, Die Sterne oder Tocotronic. Kante sind des Spex-Lesers Lieblingsband.

Aber das muss nicht gegen sie sprechen. Etiketten wie Diskurs-Rock oder Meta-Pop sind ihnen angehängt worden. Unter anderem deshalb, weil Kante mehr als eine stilistische Form beherrschen. Weil sie Sun Ra und Minimal Music gehört haben - und dazu stehen. Kurzum: weil sie Musik für Erwachsene machen. Dass sie dabei, wie schon auf dem grandiosen Vorgänger Zweilicht, auch überraschend ernsthaft klingen, macht Zombi nicht nur zu einem sehr deutschen Kunstwerk, sondern im Gegensatz zu den eingangs erwähnten Nationaltönern auch zu einem überraschenden, unterhaltsamen Hörtrip.