Ein berühmter Name kann eine Bürde sein, zumal wenn es sich um die Unwägbarkeiten einer akademischen Laufbahn handelt. Wolfgang J. Mommsen teilte mit seinem Zwillingsbruder Hans das Schicksal, Sprössling einer Historiker-Dynastie zu sein, die in der deutschen Wissenschaftsgeschichte ohne Beispiel ist. Der Begründer der Dynastie, der Althistoriker Theodor Mommsen, war einer der herausragenden Gelehrten im deutschen Kaiserreich. Sein Enkel Wilhelm Mommsen, der Vater von Wolfgang und Hans, lehrte Geschichte in Marburg, wurde aber 1945 von den Amerikanern seines Amtes enthoben. Dennoch entschlossen sich beide Söhne zum Studium der Geschichte, und beide machten Karriere. Wolfgang Mommsen promovierte 1959 bei Theodor Schieder in Köln mit einer glanzvollen Arbeit über „Max Weber und die deutsche Politik 1890-1920“. Als späterer Mitherausgeber einer Max-Weber-Gesamtausgabe hat er der Forschung entscheidende Impulse gegeben. Der Historiker, der 1968 einen Ruf an die Universität Düsseldorf erhielt, schrieb überdies Standardwerke zur Bismarck-Ära und zum wilhelminischen Deutschland, erschienen in der renommierten Reihe „Propyläen Geschichte Deutschlands“.

Wolfgang Mommsen zählte neben seinem Bruder zu den herausragenden Repräsentanten der sozialliberalen Historikergeneration, die in den sechziger Jahren antrat, die westdeutsche Geschichtswissenschaft von verstaubten konservativen Traditionen zu befreien und für neue Fragen und Methoden zu öffnen. In den großen Kontroversen der Zeitgeschichte – ob im „Historikerstreit“ oder in der Debatte um den deutschen „Sonderweg“ – hat er sich immer wieder vernehmlich zu Wort gemeldet. Liberale Streitlust verband sich bei ihm mit selbstverständlicher Weltläufigkeit. Von 1977 bis 1985 leitete er das Deutsche Historische Institut in London. Unter seiner Ägide entwickelte sich diese Einrichtung zur wichtigsten Stätte des Austausches zwischen britischen und deutschen Historikern. Fairness und Taktgefühl – diese Eigenschaften bewies Wolfgang Mommsen auch, als ihm Anfang der neunziger Jahre, damals war er Vorsitzender des deutschen Historikerverbandes, die Aufgabe zufiel, die Gräben zwischen den Historikern in der Bundesrepublik und der DDR zu überbrücken.

Am Mittwoch starb Wolfgang J. Mommsen im Alter von 73 Jahren bei einem Badeunfall auf der Insel Usedom. Mit ihm verliert die deutsche Geschichtswissenschaft einen ihrer produktivsten und anregendsten Vertreter.