Was ist, wenn die Politik in Wahrheit eine Dauerwerbesendung ist? Eine Endlosschleife, die sich nicht um Inhalte, sondern nur um die knappsten aller Güter dreht: Aufmerksamkeit und Alleinstellung. Heute sind es im Mitternachts-Fernsehen wundersame Messer, die durch Konservendosen schneiden wie durch Leberwürste, zwei Wochen später sind es aufblasbare Betten, die selbst einen ausgewachsenen Bären ertragen – ganz billig und nur bei uns! Das gilt nicht für die Politik? Gerade noch wallte die Rechtschreib-Gegenreformation durch das Land, jetzt ist es HartzIV. Wo sind Maut, Dosenpfand und Eigenheimzulage geblieben – von der Haarfarbe des Kanzlers ganz zu schweigen?

Politik als Dauersendung mit raschem Produktwechsel – da sträubt sich der hegelianisch geschulte Kopf, in dem noch immer die vordemokratische Vorstellung steckt, wonach die res publica der Vernunft gehorchen müsse, nicht dem Ringen um Macht und Vorteil. Tatsächlich hat schon Perikles alle Register der Demagogie gezogen, und das Wechselbad von "Hosianna!" und "Kreuziget ihn!" ist so alt wie das Christentum. Nun aber überfluten 40 Kabelkanäle Wohnzimmer und Wahrnehmung; was Wunder, dass die Dramaturgie des Deutschen Diskurses (DDD) die der Werbung imitiert, obwohl diese schon weiter ist: Witz und Ironie ist kein Merkmal des deutschen Politiker-Statements oder gar der Trillerpfeife.

Selbstverständlich liegt ein Ozean moralischer Unterschiede zwischen dem Schicksal von Menschen und Produkten. Und doch folgt die DDD den Gesetzen des Hype. Die erste Regel lautet: dem eigenen Produkt/Anliegen Aufmerksamkeit verschaffen, am besten durch Weckung mächtiger Assoziationen. Natürlich macht das Bier X nicht sexy; ebenso wenig aber haben die heutigen Montagsdemonstrationen mit denen von 1989 zu tun. Damals signalisierte "Wir sind das Volk" Widerstand gegen ein Unrechtsregime, heute das Ressentiment gegen den Westteil der Republik und das Festhalten am ungeschmälerten Fürsorgestaat.

Das zweite Gesetz ist die hartnäckige Wiederholung, wird doch erst so das Vergängliche zum Vertrauten, das sich im Bewusstsein festkrallt. Folglich die Demo an jedem Montag, folglich die leicht abrufbaren Versatzstücke des Politikervokabulars, folglich die choreografische Strenge der Talkshow, in der dieselben 50 Figuren etwa sechs Meinungen kundtun. Das ist wie bei den Aufblas-Betten; irgendwann werden die Leute schon zur Kreditkarte greifen.

Das dritte Prinzip bedient genau das gegenteilige Bedürfnis. Bald schon ist alles von allen gesagt worden, und zwar mehrfach; das Alleinstellungsmerkmal welkt dahin wie das Wahlplakat von gestern. Das erklärt das rasante Wechselspiel deutscher Aufgeregtheiten: heute Dosenpfand, morgen Maut. Ein Meister der DDD ist Bild, das Zentralorgan des deutschen Populismus. Wurde gestern mit "Florida-Rolf" der Sozialstaat denunziert, so wird heute Hartz IV mit herzzerreißenden Berichten von Einzelschicksalen demontiert. Wiewohl vornehmer, macht es die Qualitätspresse kaum anders; mal verteidigt, mal verdammt gar derselbe Autor die Agenda 2010. Es regieren der USP (unique selling proposition) – das Alleinstellungsmerkmal – und mit ihm seine Vettern, die Kampagne und die Provokation.

Das vierte Prinzip ist die "vergleichende Negativwerbung" – in der deutschen Wirtschaft noch verboten, in der Politik das Nonplusultra. Meisterlich, was Schröders Spin-Doktoren gerade ausgeheckt haben: den Slogan von der "neuen Volksfront" Union-PDS-Lafontaine. Und von einer CDU, die sich "seitwärts in die Büsche" geschlagen habe. Wie gut das Pranger-Prinzip wirkt, zeigt die Reaktion der CDU: Nein, murmelt sie verschämt, sie werde nicht die Reformen torpedieren, die sie selber mitgetragen habe.