Im diffusen Licht eines Spätsommermorgens bieten die Airbus-Montagehallen drüben am Finkenwerder Elbufer einen schönen Anblick. Die Gebäude schweben über dem Dunst des Stromes. Über das ruhig dahinrollende Wasser hallen Rammschläge. Der Bau auf dem aufgespülten Neuland im Mühlenberger Loch geht voran – noch. Sollte es nichts werden mit der Montage der neuen Großflugzeuge vom Typ A380 dort drüben, dann werden die Hallen einmal ein Denkmal sein für die verbaute Zukunft des Industriestandortes Deutschland.

Schreckensvisionen suchen die Wirtschaftsmenschen in der Hansestadt Hamburg heim, seit vor zwei Wochen das Oberverwaltungsgericht dem Flugzeugbauer Airbus Industrie untersagt hat, seine Landebahn auf dem Werksgelände um 589 Meter auf 3273 Meter zu verlängern. Zehn Obstbauern und Siedler im angrenzenden Dorf Neuenfelde sollten dafür enteignet werden, sie haben dagegen geklagt. "Rückschlag für Hamburg", "Standort Deutschland infrage gestellt", "Richter vernichten Arbeitsplätze": So schrien Handelskammerchefs, Industrieverbandssprecher und Gewerkschaftsbosse auf.

Ihre Befürchtung ist begründet. Doch statt ein Beleg für das Walten blindwütiger Wirtschaftsgegner zu sein, könnte der Hamburger Fall Airbus auch ein Exempel werden für das Scheitern einer engstirnigen Standortpolitik. Wer Arbeitsplätze schafft, dem gebührt die Vorfahrt – im Vertrauen darauf sind Airbus-Manager und hanseatische Wirtschaftspolitiker locker mit Bedenken gegen den Ausbau des Flugzeugwerks am Elbufer umgegangen. Nun könnte der Konkurrenzstandort Toulouse im ewigen Gerangel um die Vormacht im europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS endgültig die Oberhand gewinnen.

Viel steht auf dem Spiel. Um die Grundversion des Airbus 380, dessen Frachtversion nun wegen des Pisten-Baustopps der Kundschaft in Hamburg nicht vorgeführt und ausgeliefert werden kann, soll eine komplette Flugzeugfamilie entstehen – mit womöglich auch gestreckten und schwereren Maschinen. Hamburg kann da wegen seiner kurzen Landebahn hinter Toulouse zurückfallen. Im aktuellen Rechtsstreit aber durften keine Zukunftsvisionen, sondern nur greifbare Konzerninteressen vorgetragen werden. Airbus-Deutschland-Chef Gerhard Puttfarcken sorgt sich: "Wir sind aufgrund des deutschen Planungsrechts gezwungen, stufenweise vorzugehen. Unsere Zukunftsperspektive können wir juristisch nicht zur Geltung bringen. Dabei stehen wir bei der A380-Familie erst am Anfang." Unmittelbar stünden nun Investitionen zur Disposition. In Kürze soll die Entscheidung über den Bau eines neuen Auslieferungszentrums fallen, das internationale Kundschaft nach Hamburg brächte. Die sei nun fraglich, sagt Puttfarcken.

Für Rüdiger Nebelsieck ist das so ein Argument, mit dem Airbus die Hamburger Politik seit langem vor sich hertreibe. Der junge Anwalt und sein Seniorpartner Peter C. Mohr setzen sich seit sieben Jahren mit dem Konzern auseinander. Sie haben vor dem Verwaltungsgericht schon 2002 ein Urteil gegen den Planfeststellungsbeschluss zur Zuschüttung des Mühlenberger Lochs erwirkt: Das Süßwasserwatt in einer Elbbucht wurde dennoch für den Bau der A380-Montagehallen teilweise ausgefüllt, weil die Kläger keinen sofortigen Baustopp erreichten. 2003 änderte der Bundestag dann das Luftverkehrsgesetz, damit auch zugunsten von Werksflughäfen enteignet werden kann – bis dato war das nur für Verkehrsflughäfen möglich. Kurz darauf verabschiedete die Hamburgische Bürgerschaft eigens ein "Werksflughafen-Enteignungsgesetz" für Airbus – ein Powerplay der unfeinen Sorte.

Umso fröhlicher sitzt Nebelsieck nun in seiner Kanzlei in Hamburg-Altona und seziert den jüngsten Spruch des Oberverwaltungsgerichts. "Ein wichtiger Punkt ist die Frage der Dauerhaftigkeit der geschaffenen Arbeitsplätze, um derentwillen in das Eigentum Dritter eingegriffen werden soll", erklärt er. "Solche Arbeitsplätze kann ein Konzern wie EADS doch jederzeit von Standort zu Standort verschieben." Und so, wie es in der Lage sei, mit Jobs zu jonglieren, müsse ein Weltunternehmen wie Airbus doch auch seine Auslieferung flexibel organisieren können. Nebelsieck: "Die arbeiten an so vielen Standorten in Europa. Dass sie sich mit der Auslieferung des A380-Frachters auf Finkenwerder kaprizieren, ist reine Willkür. Die wollen nicht davon ab, bloß weil der Senat ihnen die Startbahnverlängerung versprochen hat."

Glaubt man dem Anwalt, ist Finkenwerder an seine Grenzen gelangt. Und nun? "Finkenwerder wird die A380-Auslieferung komplett an Toulouse verlieren und dafür mit weiteren Anteilen an der Fertigung kleinerer Airbusse entschädigt." Davon will Gerhard Puttfarcken nichts hören: "Hamburg ist zukunftsträchtig. Unsere Juristen werden jetzt alle Optionen noch einmal abklopfen. Dann werden wir uns in Toulouse zusammensetzen und entscheiden." Auf der Airbus-Werft in Blagnac nördlich von Toulouse, dem Zentrum der französischen Luftfahrttechnik, zeigt sich Firmensprecher David Voskuhl ungerührt. "Der jetzige Ausbaustand in Finkenwerder reicht völlig für unsere internen industriellen Zwecke." Es gebe keinen Zweifel, dass Mitte 2005 der erste Airbus aus Toulouse in Hamburg zur Endmontage und Innenausstattung landen werde. "Bis zur Auslieferung ist dann noch genügend Zeit, eine Lösung zu finden."

Begeisterung, wenn die Sattelschlepper kommen