Als US-Airways-Flug 632 aus Las Vegas kürzlich in der amerikanischen Provinzstadt Charlotte landete, fünf Stunden später als geplant und kurz vor Mitternacht, platzte dem Bodenpersonal der Kragen. "Suchen Sie sich ein Hotel!", herrschte der einzige Mitarbeiter des Kundendienstschalters die Schar gestrandeter Verbindungspassagiere an – ein verstörtes Seniorenpaar, zwei heulende Teenager und eine Versammlung konsternierter Geschäftsreisender. "Wir bezahlen keinen Pfennig." Sprach es, schloss den Schalter und verließ den Flugsteig, um vor dem heraufziehenden Entrüstungssturm zu fliehen.

Vor ein paar Monaten wäre einer solchen Verspätung – ein Computerfehler hatte das Buchungssystem der Fluggesellschaft vorübergehend lahm gelegt – zumindest eine Entschuldigung und ein Gutschein für eine Motelübernachtung gefolgt. Doch Amerikas Liniengesellschaften müssen sparen – auch ohne Rücksicht auf verprellte Kunden.

US Airways hat es dabei besonders hart getroffen. Kurz vor dem vergangenen Wochenende purzelten wieder einmal die Aktienkurse des in Virginia beheimateten Unternehmens, nachdem ausgerechnet eine von der Pilotengewerkschaft in Auftrag gegebene Studie zu dem Ergebnis gekommen war, dass die Löhne umgehend gekürzt werden müssten. Sonst, so die Studie, lande US Airways Ende September vor dem Konkursrichter. Dem war es erst im März 2003 nach einer achtmonatigen Insolvenz entflohen.

"Der Himmel wird dunkler", warnt der Continental-Chef

Das Unternehmen ist in guter Gesellschaft. United Airlines, Amerikas größte Fluglinie, steckt seit 20 Monaten in einem Insolvenzverfahren und hat bislang keinen Geschäftsplan vorgelegt, der den Richter hätte überzeugen können. Delta Airlines kämpft gegen den drohenden Bankrott und setzt seine Piloten unter Druck, damit die im Herbst Lohnkürzungen akzeptieren. Sparrunde um Sparrunde hat es in den letzten Jahren vor allem das Personal getroffen. Seit den Terroranschlägen vom Herbst 2001 sind in den USA 140000 Airline-Beschäftigte entlassen worden, ein Fünftel aller Belegschaften. Der Rest musste massive Gehaltssenkungen hinnehmen. Kein Wunder, dass die Airlines ihre Mitarbeiter nicht mehr motivieren können.

Die schlechte Lage in der inneramerikanischen Luftfahrt hat etliche Marktexperten überrascht. Im Herbst 2003 noch schien Besserung in Sicht, und sogar die Aktienkurse von Fluggesellschaften zogen vorübergehend an. Doch im Juni dieses Jahres lieferte Gordon Bethune, der Chef von Continental Airlines, einen düsteren Auftritt vor einem Kongresskomitee. "Der Himmel wird bloß dunkler", warnte er und sollte Recht behalten. Die Sommerreisemonate sind gewöhnlich die gewinnträchtigste Zeit für Fluggesellschaften, doch obwohl die Flugzeuge jetzt wieder so voll sind wie vor dem 11. September2001, verdienen die Betreiber kaum daran. Fünf Billigflieger meldeten im zweiten Quartal einen Gewinn von zusammen 150 Millionen Dollar, ein Drittel des Ertrags aus dem Vorjahr. Sechs große traditionelle Fluggesellschaften schrieben zusammen einen Rekordverlust von 2,4 Milliarden Dollar in ihre Bücher. Für Herbst und Winter sieht es nicht gut aus, denn im verzweifelten Kampf um Kundschaft haben die Fluggesellschaften gerade eine neue, ruinöse Preissenkungsrunde begonnen. Auf 300 inneramerikanischen Strecken kann man jetzt für weniger als 100 Dollar fliegen.

Schuld an der Misere ist nicht nur die Serie harter Schläge, die die Branche in den vergangenen Jahren einstecken musste: die schwache Konjunktur, die Angst vor dem Terror, der Ausbruch der Sars-Epidemie in Asien und der steigende Ölpreis. Ein sozusagen hausgemachtes Problem ist, dass die Kapazität der amerikanischen Fluggesellschaften seit Jahren rapide steigt. Das liegt vor allem an den Billigfluggesellschaften, die etwa ein Viertel des Marktes für sich erobert haben. Sie expandieren kräftig, und einige schreiben Gewinne. Im Juli öffnete der jüngste Wettbewerber Independence Air seine Flugzeugtüren, und der britische Unternehmer Richard Branson stellte einen weiteren Billigflieger namens Virgin America in Aussicht. Weil sich so viele angebotene Sitze auf Dauer nicht rechnen, stellt sich die Branche jetzt auf Großfusionen oder den endgültigen Ausstieg einer der traditionellen Fluglinien ein.