Es war schon mal einfacher, den richtigen Ort zu finden – als Männer noch "Herren" waren und Frauen noch "Damen". Als den Männern ein einfaches "H" den Weg zur Toilette wies oder ein stilisierter Kerl mit breiten Schultern, Jackett und Hose und den Frauen ein "D" oder eine Figur mit breiten Hüften oder einem weiten Rock. Als der Hinweis auf die Körperhaltung im Toilettenraum noch nicht als geschmacklos empfunden wurde und man angesichts des kleinen Stehpinklers und des sitzenden Mädchens auf dem Nachttopf immer wusste, wo der rechte Ort war.

Viele Kneipen und Restaurants begnügen sich nicht mehr damit, im Baumarkt selbstklebende Schildchen oder Figuren für ihre Toiletten zu erwerben. Sie ersinnen eigene Kennzeichnungen, vollbringen in unscheinbaren Winkeln ihrer Gaststätten erstaunliche Kulturleistungen, und die Gäste stehen ratlos vor der Tür und müssen versuchen, die fremdartigen Symbole zu entschlüsseln. Oft ist da wenig, was ihnen zu einer sicheren Beurteilung verhelfen könnte, und erst der schüchterne Blick hinter die zaghaft geöffnete Tür offenbart, ob sie sich geirrt haben oder nicht.

In der Berliner Bar Zum Goldenen Hirschen etwa sind die Türen unbeschriftet, dafür pastellfarben bemalt, in Hellblau und Rosa. Wer die eine Toilette übersehen und die zweite entdeckt hat, dem wird dank der Farbassoziation – Mädchen Rosa, Bübchen Hellblau – hoffentlich alles klar. Auch anderswo wird mit Stereotypen gespielt. Barbie und Ken verhelfen in der Tübinger Diskothek Depot zur Entscheidung vor der Tür, Schraubenmutter und Metallschraube im Senor Chico in Leipzig, Chromosomenpärchen XX und XY in der Berliner Jansen-Bar oder in der Berliner Z-Bar die Jungfrau Maria und der Heiland höchstselbst.

Toilettentüren zu beschriften stellt die kreativen Kneipenbesitzer vor die Aufgabe, die Geschlechterdifferenz auf den Punkt zu bringen, zumal auf einen, der allgemein verstanden wird – mit dem Wissen im Hinterkopf, dass Geschlechterrollen immer konstruiert sind (dass Mann und Frau nicht nur biologisch, sondern auch kulturell gegebene Größen darstellen, glaubt heute nur noch die katholische Bischofskonferenz).

Nicht mehr Funktionalität wird angestrebt, sondern Irritation – spielerische Überhöhung, welche die Geschlechterkonstruktion lächerlich macht und die Gäste zu einer amüsiert-distanzierten Haltung zwingt.

"Herren" und "amen": Vor diese Entscheidung stellen die Toilettentüren die Besucher des Berliner Museums für Kommunikation. Der ebenfalls in Berlin angesiedelte Klub der polnischen Wurstmenschen hat für die Unentschlossenen inzwischen Abhilfe geschaffen. Hier gibt es gleich drei Toilettentüren. Auf der ersten prangt eine Frau. Auf der zweiten ein Mann. Und auf der dritten eine Wurst.

Johanna Straub und Florian Werner

* Toilettentürschilder in der Bar Zum Goldenen Hirschen, Café Obermaier, Jansen-Bar, Club der Wurstmenschen, Tomsky, alle Berlin.