Ausgerechnet im nagelneuen Berliner Fünf-Sterne-Hotel Ritz-Carlton drohte jüngst die Seuche. Mitte Juli waren dort die Erreger der gefürchteten Legionärskrankheit gefunden worden. Die befallenen Zimmer wurden gesperrt, schließlich musste sogar das komplette Hotel geschlossen werden. Erst nach gut zwei Wochen Sanierung konnte das Ritz teilweise wieder geöffnet werden; mit Normalbetrieb ist von Ende des Monats an zu rechnen. Erkrankt ist bislang anscheinend niemand.

Die Infektionskrankheit verdankt ihren Namen nicht etwa einer Strafe für das Lotterleben von Mietsoldaten. Vielmehr trafen sich 1976 in einem Hotel in Philadelphia 4400 alte Herren, Veteranen der American Legion. 182 von ihnen erkrankten danach an einer schweren Lungenentzündung, 29 starben. Als Infektionsursache entdeckte man ein bislang unbekanntes stäbchenförmiges Bakterium, Legionella pneumophila , das sich über die Klimaanlage des Hotels verbreitet hatte. Einmal dingfest gemacht, fand man den Übeltäter auch in alten Blutproben aus Zeiten vergangener Epidemien bis zurück in das Jahr 1947.

Seit Philadelphia gibt es immer wieder einmal eine Meldung von einer Legionella-Epidemie. 1999 infizierten sich in den Niederlanden während einer Blumenschau 200 Menschen in einem Warmwasser-Whirlpool, 28 starben. 650 erwischte es 2001 in der spanischen Stadt Murcia; die Ursache der Epidemie waren wahrscheinlich schlecht gewartete Kühlaggregate von Klimaanlagen.

Das Legionellenproblem, darauf weist das Bundesamt für Gesundheit hin, ist menschengemacht. Eigentlich lebt das Bakterium weltweit und harmlos in Süßwasser. Leicht ist es in Badeseen nachzuweisen, wo es nicht weiter stört: Man kann infiziertes Wasser ohne Probleme trinken. Doch zunehmender Komfort- und Spaßbedarf schuf Legionella immer neue ökologische Nischen. Sie mag es nass und warm; bei über 30 Grad setzt eine explosionartige Vermehrung ein. Epidemisch verbreitet sie sich in den Warmwasseranlagen und Klimaanlagen von Krankenhäusern, Hotels, Badeanstalten und Industriebetrieben. Und dort fand sie auch einen Weg, den Menschen zu attackieren. Versteckt in winzigen Wassertröpfchen, wird sie eingeatmet und dringt in Lungenzellen ein. Die Folge: Lungenentzündung.

500000 Lungenentzündungen werden pro Jahr in Deutschland behandelt; 30000 Fälle gehen auf eine Legionelleninfektion zurück. Rund 1500 Kranke sterben daran. Die Dunkelziffer ist erheblich, da die Krankheit bei Alten und Immungeschwächten oft generell als Lungenentzündung diagnostiziert wird. Rechtzeitig erkannt und mit speziellen Antibiotika therapiert, ist die Attacke jedoch meist abzuwehren. Dass die Legionärskrankheit trotz umfassender Verbreitung des Erregers relativ selten epidemisch auftritt, hängt einerseits mit der Konstitution der Betroffenen zusammen. So geht man im Bremer Gesundheitsamt davon aus, dass 70 bis 80 Prozent der Duschen in Bremer Sporthallen legionellenverseucht sind. Doch die Abwehrkräfte der Jungen und Fitten verhindern Infektionen.

Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe technischer Abwehrmöglichkeiten. Mittel der Wahl ist das regelmäßige Durchspülen gefährdeter Wasserleitungen oder Armaturen mit heißem Wasser (70 Grad), was die Erreger abtötet. Leider ist das in modernen Hotels nicht mehr möglich, weil Temperaturbegrenzer verhindern, dass der Gast an ein heißes Zulaufrohr gerät. Die Alternative: viel Chemie. Oder Geräte, die schon das im Haus ankommende Wasser desinfizieren (Legiokill).

Am besten ist allerdings, viel Wasser zu verbrauchen. Dann kann sich Legionella erst gar nicht breit machen. Darum sollte man nicht nur im selten benutzten Gästezimmer, sondern auch im mäßig gebuchten Hotel erst einmal das Wasser laufen lassen. Das erklärt womöglich, warum gerade das Berliner Ritz ein Legionellenproblem bekam: Die Berliner Hotels, zumal die gehobenen, klagen über ein miserables Geschäft. Soeben hat eine Lieblingsadresse der Filmprominenz dichtgemacht – das Four Seasons. Gut für die Legionelle: Wo kein Geld fließt, fließt auch kein Wasser.

Aufsehenerregend an der Berliner Legionellenplage ist nicht, dass sie ein Luxushotel trifft. Überraschend und zu loben ist vielmehr, dass dieses Hotel auf das Ergebnis seiner freiwilligen Kontrolle prompt, öffentlich und ohne Angst um das Image reagiert. Die Seltenheit solcher Meldungen bei einem so verbreiteten Bakterium lässt ahnen, wie anderswo mit dem Problem umgegangen wird.