Der nächste Winter kommt bestimmt, doch die Winterreise, von Franz Schubert selbst als Kranz schauriger Lieder bezeichnet, ist ohnehin kein Werk, das sich nicht auch im August hören ließe. Unglücklich verlieben kann man sich auch im Sommer. Überdies machen Ian Bostridge und sein Pianist Leif Ove Andsnes die enttäuschten Gefühle eines romantischen Jünglings zu Recht nicht zu ihrem zentralen Anliegen (EMI 5 57790). Man muss kein Historiker sein, wie Bostridge, um die zerbrochene Liebesbeziehung, der da nachgetrauert wird, lediglich als Folie zu begreifen. Die wahre Trauer, die in der Winterreise verhandelt wird, liegt tiefer, ist eine existenzielle, aber - in der Entstehungszeit des nachnapoleonischen Biedermeiers - auch konkret politische.

Vieles in meinen eigenen Betrachtungen befasste sich mit dem historischen Hintergrund und dem Kontext, schreibt Bostridge im hellsichtigen Booklet-Text. Wer war in Schuberts Freundeskreis? Was hat ihnen die zur Zeit Metternichs in Wien übliche Unterdrückung angetan? Das sind verbale Annäherungen. Die eigentlichen Fragen nach Modernität und Zeitlosigkeit des berühmtesten Liederzyklus der Musikgeschichte stellen Bostridge und Andsnes musikalisch. Ihre Winterreise wirkt wie ein grell erleuchteter Tagtraum, was keineswegs nur an Bostridges zwar voller gewordenem, aber wunderbar obertonreichem, hell timbriertem, mühelos geführtem Tenor und einem absolut vergleichbaren Klavierklang liegt. Vehement negieren Sänger wie Pianist alles, was bei Schubert auch nur ansatzweise zur Larmoyanz und zum Selbstmitleid neigt.

Die romantischen Traumzustände, die die raue Wirklichkeit gelegentlich zu verklären drohen, heben die beiden ins (selbst)ironisch Schwebende auf. Jede Anspielung, jeder Seitenhieb auf die Farblosigkeit und Verlogenheit des biedermeierlichen Bürgertums - und ihrer gibt es viele in der Winterreise (Im Dorfe) - werden genüsslich, geradezu höhnisch ausgekostet und könnten als erstaunlich präzise Gegenwartsbeschreibungen durchgehen. Intellektualisiert oder gar unterkühlt klingt diese Deutung deshalb keineswegs. Vehement, ja wütend bleibt die Auflehnung, die sich mit den grauen Verhältnissen nicht abfinden will (Der stürmische Morgen), zu Tränen rührend die finale Verlorenheit des Individuums in einer fremd gewordenen Welt (Der Leiermann).

Im Booklet zitiert der Intellektuelle Ian Bostridge seinen Landsmann Samuel Beckett, was nicht schwer ist. Bostridges Kunst besteht darin, dass er Beckett auch in Schuberts Winterreise hör- und spürbar macht.