Messtechnisch gesehen spielt der Mensch sich zwischen 85 und 1100 Hertz ab, allem, was darüber liegt, setzt die Beschaffenheit des Kehlkopfs Grenzen. Ein erstaunlich enges Spektrum, wenn man den Anspruch bedenkt, Spitzenresultat der Evolution zu sein. Vögel können höher, ebenso Hunde oder Fledermäuse, von Delphinen ganz zu schweigen. Bis zu 200000 Schwingungen in der Sekunde erreichen die Töne, mit denen sie sich auf offener See verständigen. Aber so naturwissenschaftlich nüchtern muss der Blickwinkel ja nicht unbedingt ausfallen.

Björk Gudmundsdottir aus Reykjavík zum Beispiel eilt der Ruf voraus, jeden Hundeschädel im Umkreis von zehn Meilen zum Platzen bringen zu können mit ihrem Organ. Und doch sind es eher die poetischen Seiten der menschlichen Stimme, die sie interessieren. Gesang, hat sie erst neulich wieder auf einer Pressekonferenz erklärt, sei der Urgrund aller Kultur, durch ihn erst werde der Mensch zum Menschen. Mit gemeinschaftlichen Gesängen hätten die Höhlenbewohner, von denen wir abstammen, damals versucht, Götter und Naturgewalten gnädig zu stimmen. Ob es sich immer schön anhörte – wer weiß? Aber irgendwann muss daraus so etwas wie Unterhaltung entstanden sein.

Zufall ist es also nicht, dass Björk von der Insel bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Athen einen Auftritt hatte. Medulla, ihr jüngstes Album, ist eine Feier der Vox humana und ihrer Möglichkeiten. Vokalathleten aus den verschiedensten Disziplinen sind zusammengekommen, um der Idee zu dienen: Tanja Tagaq, die Obertonsängerin aus Grönland, und Gregory Purnhagen, die menschliche Posaune, Mike Patton, singendes Schwergewicht der Hardcore-Schule mit seinem tätowierten Bizeps und ähnlich austrainierter Gesangstechnik, aber auch Robert Wyatt, der seit Jahrzehnten schon im Rollstuhl sitzt. Dazu noch, weil ja alle Kontinente vertreten sein sollen, Shlomo aus England, Dakoka aus Japan, der HipHopper Rahzel aus den USA und zwei vollständige Chöre.

Björk hat sie selbstverständlich nicht einfach gegeneinander antreten lassen, sondern die Regie übernommen und jedem einen Part zugewiesen. Mal summt der Chor bienengleich zu den Klängen einer altisländischen Weise, mal drängen sich die Human Beatboxes in Gestalt Rahzels und Pattons in den Vordergrund und geben der Sache Drive. Es finden sich meditative Passagen, die von Sibelius komponiert sein könnten oder von Arvo Pärt, aber auch naive Popmelodien und eruptive Höhepunkte, in denen die Macht der versammelten Stimmen den Hörer dissonant bedrängt. Um einen braven Dialog der Kulturen, der nebenbei letzte Unterschiede zwischen U und E einebnet, handelt es sich nämlich nur vordergründig. In Wahrheit will Björk Gudmundsdottir die Elemente erweichen.

Björkologen haben seit langem geahnt, dass es einmal so kommen würde. Vom grobschlächtigen Rockmobil der Sugarcubes, mit denen sie in den späten Achtzigern ihre internationale Karriere begann, über die diversen Dancefloor-Ausflüge bis hin zum harfenumspielten Kunstwillen ihrer letzten Werke – immer schon war die Musik dieser Tochter eines Mannes namens Gudmund vor allem Bühne, auf der sich das Drama ihres Gesangs ereignete. Würde man all die Sound-Designer, die ihr in den letzten Jahren zugearbeitet haben, wieder rausmischen aus dem Gesamtbild, das Fashionable und Retrofuturistische ihrer Inszenierungen für einen Moment vergessen, vielleicht ergäbe sich, dass in Wahrheit gar keine Entwicklung stattgefunden hat.

Hildegard von Bingens Naturlehre auf der Spur

Jetzt, wo das eigentliche Ereignis unverhüllt im Zentrum steht, zeigt sich umso deutlicher, dass Björk eine Heilige von eigenen Gnaden ist, eine Mystikerin in Popstargestalt. Ursprünglich sollte ihr neues Album Ink heißen, nach dem dunklen, jahrtausendealten Blut, das uns alle durchströmt. Medulla ist ein nicht weniger anspruchsvoller Titel. Das lateinische Wort, das direkt aus der Naturlehre der Hildegard von Bingen zu stammen scheint, bezeichnet das Mark von Mensch, Tier und Pflanze, also das Innerste aller Lebewesen. Es ist, schließen wir daraus, nichts weniger als die Essenz der Dinge, ihre Seele gewissermaßen, die in Schwingungen versetzt werden soll. Wenn Kraftströme aus Maschinen der Natur dabei ein wenig auf die Sprünge helfen – umso besser.