Biologie, Bibliotheksdienst, Behindertenbetreuung – der Stundenplan von Rosanna Schneider, 17, sieht anders aus als der ihrer Freunde in Bayern. Sie erhält neben dem klassischen Unterricht auch musische Bildung, macht Sport und leistet Sozialarbeit. Das gehört zu den Ideen der ganzheitlichen Erziehung, die die United World Colleges (UWC) vertreten. Rosanna Schneider hat vor einem dreiviertel Jahr ihr Gymnasium in Starnberg verlassen, um ihren Schulabschluss an einer solchen Schule im italienischen Duino zu machen. "Daheim in Bayern habe ich nur eine akademische Ausbildung erhalten, hier bekomme ich viel mehr", sagt sie. Sie besucht einmal in der Woche ein Behindertenwohnheim, lernt Italienisch, spielt Cello und engagiert sich für das Collegeleben. Die Schule erwartet diesen Einsatz. "Durch meine Arbeit mit den Behinderten habe ich viel gelernt, was mir normaler Unterricht allein nie vermittelt hätte", sagt Rosanna Schneider. Sie schätzt besonders die Internationalität des UWC: Hier gibt es Schüler aus 82 Nationen. "Das ist manchmal nicht einfach, doch wir lernen andere Sichtweisen kennen und verstehen", sagt die 17-Jährige.

Zur Völkerverständigung beizutragen war eines der Anliegen, als in den 1960er Jahren das erste United World College eröffnet wurde. Einer der Gründungsväter war der deutsche Pädagoge Kurt Hahn, auf dessen Lehren auch die Internate Schloss Salem und Louisenlund aufbauen. Die UWC sollten nach dem Zweiten Weltkrieg Schüler verschiedener Nationen zusammenbringen, die Welt in einer Schule vereinen, wie auch der Name der Internate sagt. Mittlerweile gibt es weltweit zehn United World Colleges; neben den europäischen Schulen in Wales, Italien und Norwegen weitere etwa in den USA, Indien, Swasiland und Venezuela. Unterrichtssprache an den UWC ist Englisch, daneben lernen die Schüler noch die Landessprache. Rosanna Schneiders Italienisch war schon nach einigen Monaten so gut, dass sie den Cellounterricht auf Italienisch nahm.

Statt des Abiturs erhalten die UWC-Absolventen das International Baccalaureate, mit dem sie sich an einer Uni einschreiben können. Diesen Schulabschluss vergeben auch andere Schulen; er soll sicherstellen, dass die Lehranstalten im Verbund in etwa dasselbe akademische Niveau haben. "Das sind allesamt exzellente Schulen", urteilt der Pädagoge Torsten Fischer. Er lehrt an der Universität Lüneburg und hat sich in seiner Habilitation mit den Ideen hinter den UWC auseinander gesetzt. "In den Internaten wird auf hohem Niveau Schulwissen vermittelt, gleichzeitig lernen die Schüler durch soziales Engagement und andere Aktivitäten Dinge, die an gewöhnlichen Schulen oft zu kurz kommen", sagt Fischer. Die Colleges unterscheiden sich in den Akzenten, die sie im nichtakademischen Teil der Ausbildung setzen. Während die Schüler in Wales sich in der Seenotrettung engagieren, arbeiten die Schüler in Swasiland in der Landwirtschaft.

Auch der holländische Kronprinz hat eines der Internate besucht

Seit vor über 40 Jahren die erste Schule eröffnete, haben rund 27000 Schüler ein UWC besucht, knapp 900 davon aus Deutschland. Etliche Absolventen sitzen nun auf wichtigen Posten: Einer ist etwa Vorstandschef von Nokia, ein anderer holländischer Kronprinz. Trotzdem: Mit dem Begriff Elite tut sich der Verbund schwer. "Wir legen Wert darauf, dass es keine Rolle spielt, aus welcher sozialen Schicht die Schüler kommen", sagt Till Wahnbaeck von der deutschen Stiftung UWC. Ein Unterschied zu vielen anderen Internaten. Pro Schüler kostet die Ausbildung an einem der UWC im Schnitt etwa 1700 Euro monatlich. Was die Eltern nicht bezahlen können, übernimmt die Stiftung. Die wählt jedes Jahr 15 bis 20 Schüler aus Deutschland aus, die für die letzten zwei Jahre ihrer Schulausbildung an eines der UWC gehen dürfen – nicht allein die Noten entscheiden, sondern auch das soziale Engagement. Doch wer an einem UWC angenommen wird, gehört meist zu den sehr begabten Studenten. "Die Colleges bilden ganz klar eine Leistungselite", sagt der Pädagoge Fischer.

Trotz des hehren Anspruchs spielt bei der Auswahl der Studenten ab und an wohl auch das Geld eine Rolle. Von UWC-Absolventen hört man immer wieder, dass an ihrer Schule der Anteil der Kinder von Geschäftsleuten und Diplomaten auffällig hoch gewesen sei. Das mag daran liegen, berichtet ein ehemaliger Schüler, dass man sich außer über die nationalen Komitees auch direkt an den Schulen bewerben kann – dann könnten in manchen Fällen andere Aufnahmekriterien gelten, etwa auch eine großzügige Spende der Eltern.

Das Geld, das die deutsche Stiftung zur Zeit jährlich von UWC-Absolventen und anderen Spendern erhält, reicht gerade, um zwischen 15 und 20 Stipendien zu finanzieren. Obwohl die Pädagogik der Schulen aus Deutschland stammt, ist es bisher nicht gelungen, hier ein College zu etablieren. "Um eine solche Schule zu betreiben, benötigt man einmalig 15 bis 25Millionen Euro und zusätzlich ein Stiftungskapital von 100 Millionen Euro", sagt Wahnbaeck. Der Pädagoge Fischer meint, dass auch öffentliche Schulen viele der UWC-Ideen umsetzen könnten: "Prinzipiell ist das möglich. Das machen die Skandinavier vor."

Derzeit setzt eine Gruppe von UWC-Absolventen sich dafür ein, ein weiteres College in Mostar aufzubauen. Aus Kostengründen sollen aber nur einige UWC-Klassen in das örtliche Gymnasium integriert werden. Ein ähnliches Projekt ist in Sarajevo geplant. Frieden und interkulturelles Verständnis sollen im ehemaligen Kriegsgebiet gefördert werden.