In der Literatur des gegenwärtigen Deutschlands scheint Friedrich Nietzsche mir der interessanteste Schriftsteller zu sein. So beginnt, denkbar nüchtern, ein Essay von 1888, der die Gelassenheit des skandinavischen Tons auch im Weiteren beibehält. Er hat Schule gemacht. Jetzt wird man ihn wieder lesen können, in Halbleinen gebunden, fadengeheftet, schmale 96 Seiten umfassend: Nietzsche. Eine Abhandlung über aristokratischen Radikalismus. Verfasst von Georg Brandes (1842 bis 1927), dem jüdischen Weltbürger aus Kopenhagen, der den noch unbekannten Nietzsche entdeckte. Kein Mensch muss Philosophie studiert haben, um sich bei diesem Entdecker festzulesen. Den Thomas Mann immerhin im Nekrolog den letzten der europäischen Generation nannte, der wir Fünfzigjährigen unsere Erziehung zu verdanken haben, Er schrieb auf Dänisch, Schwedisch, Deutsch, lebte in Europas Hauptstädten, sein Werk wurde zu Lebzeiten in die Sprachen der Welt übersetzt. Und geriet in Vergessenheit.

Ein Fund. Aufgelesen und publiziert von Heinrich von Berenberg, 20 Jahre lang Lektor, Übersetzer in den Verlagen von Klaus Wagenbach und Antje Kunstmann, und nun Gründer des Berenberg-Verlags, als gäb's keine Branchenkrise und keine lähmende Skepsis im Land. Der Börsenverein meldet einen Rückgang im Buchhandel um 9,9 Prozent im Bereich Geisteswissenschaften, Kunst und Musik.

Seine Verlagsgründung, sagt indes Berenberg, sei unvermeidlich gewesen. Es hätten sich zu viele ungedruckte Bücher in ihm angesammelt. Knappe schöne Resultate geistiger Arbeit. Die ersten vier sind von September an zu haben: die Erinnerungen des Ökonomen John Maynard Keynes an den Hamburger Bankier Melchior etwa, der ihm als Briten in den Friedensverhandlungen von 1919 gegenübersaß - oder das literarische Porträt Salvador Daløs, verfasst vom katalanischen Schriftsteller Josep Pla. Lauter Ideen Europas, in einer Person, durch Erfahrung belehrt.

Wie ja auch das neue Ein-Mann-Unternehmen Matthes & Seitz Berlin die Courage hat, ein profiliertes Programm aufzutischen, europäische Geistes- und Zeitgeschichte, Béla Hamvas, Georges Bataille, Rahel Varnhagen, Jonathan Bloch -, und der verblüffend junge neue Verleger Andreas Rötzer ist als Philosoph frisch promoviert, als riete nicht jedes Handbuch, ein besser verwertbares Ausbildungsdesign auszuwählen. Aus Berlin meldet sich noch ein Neuling, Siedler junior, und hat ein zeitgeschichtliches Programm auf die Beine gestellt, dem Aufmerksamkeit sicher ist: Margret Boveris Chronik des Kriegsendes in Berlin, unbekannte Manuskripte zur Stunde null etwa vom Theaterkritiker Friedrich Luft, und die Russin Margolina untersucht den russischen Alkoholismus.

Alles unverkäuflich, raunt die kulturpessimistische Sorge und starrt auf die Macht der Konzerne. Aber was ist schon unverkäuflich gegen unvermeidlich?