Für Günter Verheugen ist die Sache klar. "Ich werde in der neuen EU-Kommission eine zentrale wirtschaftspolitische Verantwortung haben", sagt der Deutsche über seine neue Aufgabe. Seit er in der vergangenen Woche zum künftigen EU-Kommissar für Industrie und Unternehmen gekürt worden ist, sieht sich der SPD-Politiker im Zentrum der europäischen Macht angekommen. Und nicht nur er. "Verheugens heimlicher Aufstieg", applaudiert der Spiegel, das Handelsblatt sieht in dem 60-Jährigen eine mögliche "Schlüsselfigur" der neuen Kommission. Typisch deutsche Wahrnehmungsstörung? Kommentiert doch die vornehme Neue Zürcher Zeitung: "Berlin musste zurückstecken." Die französische La Tribune findet gar: "Deutschland und Frankreich sind in die zweite Liga abgestiegen."

Aufstieg oder Abstieg – eines zumindest ist sicher. Verheugen und sein neuer Job werden in Brüssel künftig unter besonderer Beobachtung stehen. Denn ganz unabhängig davon, wie viel Macht der Favorit des Bundeskanzlers in Brüssel persönlich haben wird – er zählt auf jeden Fall zum erlauchten Kreis der Wirtschaftskommissare. Und die werden von November an besonders wichtig, wird sich die neue Kommission doch vornehmlich an ihren Erfolgen in der Wirtschaftspolitik messen lassen. So will es zumindest ihr neuer Präsident Manuel Barroso, und so wollen es auch die Regierungen der Mitgliedsstaaten. Offen bleibt eigentlich nur eine Frage: Welche Therapie will Brüssel Europas Wirtschaft eigentlich verschreiben?

"Wir müssen nach neuen Mitteln suchen, um das Wachstum zu vergrößern", sagt der liberale Barroso seit seiner Nominierung gern, und dann lässt er durchblicken, dass sein Reformkonzept so neu gar nicht ist. Der Portugiese setzt auf klassisch liberale Wirtschaftspolitik. Das hat er als Premierminister in Lissabon gemacht, und dafür hat er nun auch in Brüssel die Weichen gestellt. Denn mit dem Briten Peter Mandelson als Handelskommissar, der eisernen holländischen Lady Neelie Kroes als Wettbewerbskommissarin und dem liberalen irischen Exfinanzminister Charlie McCreevy als Binnenmarktkommissar wird anderes kaum möglich sein. Sie alle stehen für mehr Wettbewerb, Privatisierung und eine weitere Öffnung der Märkte.

Und Günter Verheugen? Der soll nun als Industriekommissar für Europas Wettbewerbsfähigkeit sorgen. Der Sozialdemokrat, der früher der FDP angehörte, lässt sich auf eine Wackelpartie ein. Noch in der letzten Kommission galt der Job des Industriekommissars als unmodern. Viel wichtiger waren den Kommissaren die Förderung der Informationsgesellschaft, die Vollendung des Binnenmarktes und die Einhaltung der Wettbewerbsregeln. Und weil sie ihre Ämter zudem in der Hochzeit der BSE-Krise angetreten hatten, verschrieben sie sich zum Ärger der Unternehmen auch noch dem Verbraucher- und dem Umweltschutz.

Erst Bundeskanzler Gerhard Schröder leitete eine kleine Renaissance der Industriepolitik ein – allerdings in einem eher vulgärökonomischen Sinn. Statt über moderne Konzepte zur Förderung der Industrie nachzudenken, setzte er sich für ihm genehme deutscher Unternehmen ein – notfalls auch gegen EU-Gesetze und -Grundsätze, die die Bundesregierung zuvor mitverabschiedet hatten. Volkswagen und die Energiekonzerne profitieren davon bis heute.

Verheugen muss nun die Wirtschaftspolitik seines Förderers Schröder und die liberale Ideologie seines Chefs Barroso irgendwie versöhnen. Wie das gehen soll? "Wir haben Zeit bis zum Frühjahr", wiegeln seine Mitarbeiter allzu kritische Fragen ab. Bis dahin soll Verheugen eine Halbzeitbilanz der Lissabon-Agenda erarbeiten. Im Jahr 2000 hatten sich die Regierungschefs verpflichtet, Europa zum "wettbewerbsfähigsten, modernsten und dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt" zu machen, in der Agenda steht so ziemlich alles, was sich liberale Ökonomen wünschen. Bildung, Forschung und neue Technologien wollten die Mitgliedsstaaten fördern, dazu die Arbeitsmärkte und Rentensysteme reformieren. Die Kommission sollte das Ganze anregen und überwachen, weswegen eine überarbeitete Lissabon-Agenda tatsächlich so etwas wie ein Arbeitsplan der neuen Kommissare werden könnte.

Noch ist Verheugen optimistisch, dass sich die Agenda in eine realistische Strategie verwandeln lässt. Schließlich begann er als Erweiterungskommissar ebenfalls mit einer Halbzeitbilanz und managte dann bis zum vergangenen Mai den erfolgreichen Beitritt von zehn neuen Mitgliedsstaaten.

Ein wichtiger Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Job könnte dem ehrgeizigen Rheinländer allerdings das Leben schwer machen. Bislang verhandelte der Erweiterungskommissar mit Regierungen, die der EU erst noch beitreten wollten und folglich Konzessionen machen mussten. Künftig hat er es mit mächtigen Mitgliedern zu tun – und besitzt als Waffe nur warme Worte. Geld kann Verheugen nur wenig verteilen, seine größte direkte Verantwortung ist noch die Raumfahrt. Ansonsten muss er sich als Industriekommissar zumeist darauf beschränken, Vorschläge zu machen, während andere Kommissare die Gesetzgebungskompetenz besitzen: etwa in Fragen des Handels und des Wettbewerbs.