München/Freising

In Freising ist die Arbeitswelt noch in Ordnung. Industriebrachen, Firmensterben, Standortprobleme? In dem oberbayerischen Städtchen kennt man sie nur vom Hörensagen. Der nahe Münchner Flughafen sorgt für Beschäftigung und Wohlstand. Und doch sitzt die Wut der Angestellten im öffentlichen Dienst tief. 42- statt 38,5-Stunden-Woche, Kürzungen beim Weihnachtsgeld, Wegfall der Ballungsraumzulage von Januar 2005 an – die Liste der Aufreger ist lang. Wenn dann auch noch die Feiertage zur Disposition stehen, wie von einigen Politikern gefordert, ist es ernsthaft in Gefahr, das bayerische Arbeitsmarkt-Idyll.

Der Leidensdruck wächst und mit ihm die Empörung über Landes- und Bundesregierung. Nur, wohin mit dem Zorn? In Freising und Umgebung profitieren ausgerechnet diejenigen davon, die längst totgesagt wurden: die Gewerkschaften. Im Großraum München hat sich die Zahl der Gewerkschaftseintritte von April bis Juni im Vergleich zum ersten Quartal dieses Jahres mehr als verdoppelt – ein Trend, der sich auch auf Landesebene erkennen lässt. In Bayern traten im April 2489 Arbeitnehmer in die Dienstleistungsgewerkschaft ein, fast tausend mehr als im März. Ähnliches passiert derzeit in Hessen: Hier erhöhte sich die Zahl der Neumitglieder im März auf 1589 – dreimal so viele wie im Vormonat. Seit Anfang des Jahres gilt in Hessen im öffentlichen Dienst die 42-Stunden-Woche.

Ein bundesweiter Aufbruch in rosigere Zeiten ist das für die von Mitgliederschwund gebeutelte Dienstleistungsgewerkschaft noch nicht. Auch in Bayern und Hessen gibt es unter dem Strich immer noch mehr Aus- als Eintritte.

Und doch: Wer früher nur im Stillen mit den Gewerkschaften sympathisierte, tritt ihnen heute offensichtlich schneller bei – freilich selten aus Idealismus für die gewerkschaftliche Sache. Schließlich stellt ver.di seinen Mitgliedern Rechtsbeistand bei Kündigungen in Aussicht. Erst wenn der Job, die Haushaltskasse, die gewohnte Arbeitszeit auf dem Spiel stehen, werden die Gewerkschaften zur Alternative – einer Art Feuerwehr im Arbeitskampf, die überall löschen soll, wo es brennt.

Im flackernden Schein einer Power-Point-Präsentation lauschen mehr als fünfzig neue Mitglieder im Münchner Gewerkschaftshaus dem Vortrag des ver.di-Geschäftsführers Heinrich Birner. In der anschließenden Diskussion machen sie ihrem Zorn Luft. Alle haben etwas zu sagen, aber keiner will reden, zumindest nicht mit der Presse. Die Angst ist groß, dass der Arbeitgeber von der ver.di-Mitgliedschaft erfährt. Das würde, so glauben viele, von den Chefs als unfreundlicher Akt im Kalten Krieg gegen die Belegschaft verstanden.

"Für uns steht viel auf dem Spiel", sagt eine der Unzufriedenen. Die Arbeitszeiterhöhung hängt wie ein Damoklesschwert über der allein erziehenden Mutter im Erziehungsurlaub. "Wer soll denn auf meinen Sohn aufpassen, wenn ich wieder arbeiten muss?", fragt die Verwaltungsangestellte. "Eine Betreuung in Horten und Kindergärten ist oft nur bis fünf Uhr nachmittags möglich."

Auch Florian Wagner (Name von der Redaktion geändert) schäumt vor Wut. "Seit 25 Jahren bin ich in der Wasserwirtschaft tätig, doch was nun passiert, ist ein Skandal." Kürzungen beim Weihnachts- und Urlaubsgeld, 42-Stunden-Woche – in Wagners Betrieb sind sie an der Tagesordnung. "Bislang bin ich davon nicht betroffen, weil ich schon so lange dabei bin." Was er sich von ver.di erhofft? "Dass der Kelch an mir vorübergeht, natürlich." Wie? Irgendwie. Wenn es hart auf hart komme, stünden die Gewerkschaften schon hinter einem, glaubt Wagner. Doch stehen die Neumitglieder auch hinter ihrer Gewerkschaft? Der Zorn ist groß, wenn es um die Wahrung von eigenen Besitzständen geht. Offensichtlich aber nicht groß genug, um sich selbst für die Gewerkschaftssache zu engagieren. "Ich bin schon beim Roten Kreuz. Da bleibt mir keine Zeit für so was", sagt Wagner.