Es soll der große Wurf werden, eine Reform aus einem Guss, die in Deutschland nicht ihresgleichen findet. Geht es nach Hamburgs Wissenschaftssenator Jörg Dräger, dann werden die Hochschulen der Hansestadt in wenigen Jahren nicht mehr wiederzuerkennen sein. Strikt aussuchen sollen sie die Studenten, das Studium straff organisieren und ihr Lehren und Forschen eng am Bedarf von Wirtschaft und Arbeitsmarkt orientieren. Die Blaupause der Reform lieferte eine Expertenrunde unter Leitung des ehemaligen Bürgermeisters der Hansestadt Klaus von Dohnanyi im Januar vergangenen Jahres.

Nun kristallisiert sich auch heraus, wer die Verlierer der Radikalkur sein werden: die Geistes- und Sprachwissenschaften. In einer noch unveröffentlichten Expertise des Hochschul-Informations-Systems (HIS) werden erstmals die Folgen der Drägerschen Reformvorschläge im Detail berechnet. Demnach müssten Hamburgs Historiker, Philosophen und Germanisten bis zum Jahr 2012 auf die Hälfte ihrer Professoren verzichten. Die Zahl der Studienplätze ginge gar um fast 60 Prozent zurück. Die Folge: Die Universität müsste nicht nur auf nahezu sämtliche Orchideenfächer – von der Ägyptologie bis zur Volkskunde – verzichten. Auch in Kernfächern wie Geschichtswissenschaft, Theologie oder Anglistik stünde man in Zukunft vor der Alternative, entweder nur ein Minimalprogramm anzubieten oder ganze Studiengänge einzustellen. Das wäre der Abschied von der traditionellen Volluniversität.

Noch ist nicht ausgemacht, ob aus dieser Vision Wirklichkeit wird. Doch ein universitätsinternes Papier spricht schon von einem "nicht wiedergutzumachenden Schaden". Denn alle Erfahrung zeigt, dass einmal abgewickelte Studiengänge kaum eine Chance haben, jemals wiederbelebt zu werden. Insofern weist der Hamburger Reformversuch, der die Universität mit den meisten Geistes- und Sozialwissenschaftlern im Lande trifft, über die Hansestadt hinaus.

Die Empfehlungen der Dohnanyi-Kommission beruhen auf langfristigen Prognosen, welche Akademiker die Hansestadt in Zukunft braucht. Damit spiegeln sie einen bundesweiten Trend wider. Zum einen finden vor den Universitätsreformern und Hochschulplanern zunehmend nur solche Fächer Gnade, die unmittelbaren Nutzen erbringen – entweder indem sie arbeitsmarktkompatible Absolventen ausbilden oder vermarktungsfähige Erkenntnisse produzieren. In beiden Disziplinen müssen die Geisteswissenschaften passen.

Zum anderen zeigt die Härte der Vorschläge, dass man in Hamburg an eine (notwendige) Reform der Fächer nicht mehr glaubt. Wenn ein Wissenschaftszweig seine Professorenschaft in wenigen Jahren halbieren muss, bleibt kein Spielraum mehr für neue Forschungsschwerpunkte oder gar Experimente. Man bringt einen Patienten nicht wieder auf die Beine, indem man sie ihm amputiert. Martin Spiewak