Die orthodoxe deutsche Volkswirtschaftsschule stirbt nicht aus: Einer ihrer jungen Vertreter, der dogmatische Ökonom Jörg Krämer, wird demnächst Chefvolkswirt bei Deutschlands zweitgrößter Bank, der HypoVereinsbank (HVB). Das wurde in Frankfurter Finanzmarktkreisen bekannt. Der 38-Jährige tritt die Nachfolge von Martin Hüfner an, der den Posten nach 17 Jahren abgibt. Hüfner (62) ist einer der wenigen unideologischen deutschen Volkswirte und bereichert mit originellen Ideen und einer hierzulande selten anzutreffenden Affinität für den Kapitalmarkt die einseitige deutsche Diskussion.

Wie unterschiedlich der alte und der neue Chefvolkswirt denken, wurde im Juni klar: Hardliner Krämer rief als einer der Ersten die Europäische Zentralbank (EZB) zu einer Zinserhöhung auf, obwohl er in seinen Analysen ein Konjunkturpessimist ist. Begründung: Die Inflation sei zu hoch. Hüfner machte sich zur selben Zeit für eine Zinssenkung der EZB stark. Begründung: die hohe Arbeitslosigkeit und das schwache Wachstum. Genauso laufen die Fronten beim Stabilitätspakt. Hüfner hat 2003 ein deutsches Tabu gebrochen. Gemeinsam mit international renommierten Volkswirten verfasste er einen Aufruf für einen besseren Stabilitätspakt. Krämer dagegen, der in Kiel bei Horst Siebert, dem ehemaligen Chef des Instituts für Weltwirtschaft, promoviert hat, feilte einst an den Grundlagen des Pakts mit. Seither verteidigt er ihn und das international nur milde belächelte Geldmengenkonzept der Bundesbank gleich mit. Seine Sporen verdiente sich Krämer mit treffenden Konjunkturprognosen bei der Fondsgesellschaft Invesco, deren deutscher Chefvolkswirt er seit vier Jahren ist.