Als Marvin Gaye 1971 sein epochales Protestalbum What's Going On veröffentlichte, bemängelten manche Kritiker die scheinbare Kluft zwischen Form und Inhalt: Was auch immer an kritischem Bewusstsein in den Texten zu finden sei, werde durch den üppigen, hedonistisch schwelgenden Sound absorbiert, es handle sich um Protest ohne den Mut zum musikalischen Widerhaken. Den Vorwurf kann man TV On The Radio nicht machen. 33 Jahre nach Marvin Gaye erfindet das Quintett aus Brooklyn noch einmal den Inner City Blues. Auch wenn hier zwei schwarze Sänger dominieren, die für Nina Simone und Fela Kuti schwärmen, Doo-Wop singen und Gospel predigen - ihre Combo bürstet doch gewaltig gegen den Strich all dessen, was sich heute Rhythm and Blues schimpft. Nein, Seelenmusik hat hier noch kein radiofreundliches Format, und auch im Fach Soul wird man TV On The Radio kaum finden.

Mit gutem Grund: Gitarrenwände lärmen anstelle von Bläsern und Streichern, ein verzerrter Bass ersetzt die funky Beats, und die bedrohlich anschwellenden Melodien taugen nur sehr bedingt zur Party-Animation: Desperate Youth, Blood Thirsty Babes (4AD cad2420cd) - der Albumtitel verspricht nicht zu viel. Wenn die Beastie Boys dem von Law-and-Order-Politikern regierten New York von heute trotzige Old-School-Klänge entgegenschleudern, kontern TV On The Radio die neue Selbstzufriedenheit mit extrem schmutzigen, ungewohnten Mixturen: Wenn du die Stimme alter Bluessänger hörst, wirst du plötzlich ganz ruhig, weil sie dir etwas mitzuteilen haben. Genau das wollen wir auch erreichen - mit ein bisschen dazugemischtem Lärm, haben sie ihr Konzept erläutert. Genau dieses bisschen Lärm aber macht den Unterschied.

Es hat der Band Vergleiche mit Projekten wie Andre 3000 oder dem frühen Sun Ra eingebracht, nur dass der gewollte Zusammenprall musikalischer Welten, wie ihn TV On The Radio praktizieren, mindestens ein Dutzend Genres gleichzeitig betrifft. Die warme Honigstimme von Sänger Tunde Adebimbe schwebt dabei stets über dem Schlachtfeld: Sie klagt und tröstet, kündigt die Apokalypse an und akzeptiert das offensichtlich Unvermeidliche - privat oder politisch, ist hier überhaupt ein Unterschied? Das klare Falsett seines Partners Kyp Malone jedenfalls wandelt die Desillusion zur Anklage.

So beschreibt er im grandiosen Eröffnungstrack The Wrong Way die Lebensumstände eines Afroamerikaners inmitten einer geistlosen, materialistischen Welt. Deren Gewalt und Aggression prägt auch die Begleitmusik: Manchmal, so Malone, glichen die Aufnahmen dem Zähneziehen, und wir mussten einen Song schnell durchziehen, um nicht an ihm krank zu werden.