Mit der Schwingtür öffnet sich eine ungeahnte Welt. Staunend steht man in einem offenen, lichten Raum, der trotz seiner Säulen und Halbsäulen beinahe schwerelos wirkt. Monumentales, Prunkvolles oder gar Protziges ist nirgendwo zu sehen. Die schilfgrünen Wandverkleidungen und die gleichfarbige Rezeption lassen eher an die Schalterhalle eines alten Bahnhofs denken als an das Vestibül eines ehemaligen Grand Hotels. Vor dem Hintergrund dieses architektonischen Understatements wirken selbst die opulenten Jugendstil-Kronleuchter bescheiden.

Dass der Raum wieder im Originalzustand von 1906 erstrahlt, verdankt sich der Kurhaus Bergün AG, einem Zweckbündnis von Stammgästen, die ihren lieb gewordenen Ferienpalast vor dem Untergang retten wollten. Mit dem Besitzerwechsel endet nun die Krisengeschichte, die mit der Eröffnung des Hauses begann. Damals war Bergün gerade durch die Albula-Linie an das eidgenössische Bahnstreckennetz angeschlossen worden. Die Züge ins Oberengadin hielten nun allesamt am Rande des kleinen Passdorfs, in dem mit der Einstellung der Pferdepost fast alle Arbeitsplätze verloren gegangen waren. Die Investoren des Sporthotels Kurhaus hofften, die Passagiere der 1. Klasse würden sich hier, auf 1400 Meter Höhe, erst einmal eine Woche standesgemäß akklimatisieren. Doch der internationale Geldadel zog es vor, gleich dorthin weiterzufahren, wo er sich nun mal zu versammeln pflegte – nach St.Moritz und Pontresina. Schon in der Saison 1907/08 musste der Winterbetrieb wegen Gästemangel eingestellt werden. 1949 trieb dann ein verheerender Dachstuhlbrand die Besitzer vollends in den Ruin. Der neue Inhaber, der "Schweizerische Verein für Familienherbergen" stellte die gesellschaftliche Logik des Hauses dann kurzerhand auf den Kopf: Um einkommensschwachen Familien kleinste Ferienwohnungseinheiten anbieten zu können, wurden die großzügigen Säle mit improvisierten Zwischenwänden parzelliert, die nordseitigen Zimmer in Küchen verwandelt, die kunstvoll bemalten Decken abgehängt und die bleiverglasten Durchgänge verschalt – eine architektonische Untat mit angenehmem Nebeneffekt: Die doppelten Wände bewahrten die wertvolle Substanz des Hauses vor jener Zerstörung, die gemeinhin "Modernisierung" genannt wird.

Inzwischen haben ehrenamtliche Helfer und engagierte Handwerker nicht nur das löchrige Dach geflickt und die Sperrholzeinbauten beseitigt. Die Salons der linken Haushälfte und der 230 Quadratmeter große Ballsaal sind liebevoll "zurückrestauriert" worden und vermitteln bereits wieder jene unwiderstehliche Atmosphäre, die es Heini Dalcher, dem Gründer der Kurhaus Bergün AG, so angetan hat. Dass für auratische Wirkung allein noch keine Sterne verliehen werden, schmerzt den Architekten aus Basel nicht. Die Anpassung an internationale Komfortstandards ist für ihn allenfalls zweitrangig.

Die Folge ist eine eigentümliche Spannung, die nicht jeden Hotelgast begeistern wird: Während in den Salons Wohnkultur vom Feinsten erfahrbar wird, herrscht auf den Etagen zuweilen noch Selbstversorgung. Essensdüfte wehen hier durch die breiten Gänge, in denen sich die Kinder austoben. Dusche und Toilette muss man sich mit den Zimmernachbarn teilen. Wer einen der äußeren Gestalt des Hauses entsprechenden Hotelkomfort erwartet, wird enttäuscht sein. Im Paradies fühlen sich dagegen die Gegner der beherbungstechnischen Globalisierung, jene Zeitgenossen, die das Authentische dem Standard vorziehen. Es findet sich in der Gesamtkomposition wie im Detail: Fensterknäufe, Wandlampen, Wandregale, Spiegel und Klopapierhalter sind originale Jugendstilaccessoires, die schon deshalb nicht museal wirken, weil sie an ihrem angestammten Ort, in ihrem ursprünglichen Funktionszusammenhang belassen wurden.

Zu den bizarren Höhepunkten eines Kurhaus-Aufenthalts gehört die Benutzung des Fünfziger-Jahre-Badezimmers: Der Rand der Sitzbadewanne ist einen knappen Meter hoch. Um ihn zu erklimmen braucht man beinahe alpinistische Fähigkeiten. Kommt man wieder heraus, so steht man vor der nächsten Herausforderung – einem Schild mit der Aufschrift "Bitte das Bad nach Benutzung reinigen". Unter dem Waschbecken stehen Eimer und Putzlappen. Gerhard Fitzthum

Kurhaus Bergün, CH-7482 Bergün, Tel. 0041-81/4072222, Fax 4072233, www.kurhausberguen.ch , Übernachtung pro Person im DZ 40 CHF, zirka 26 Euro, drei Nächte 100 CHF, zirka 65 Euro. Apartments für 1–7 Personen kosten pro Woche 125–550 CHF, zirka 82–359 Euro, in der Winterhochsaison 200–780 CHF, zirka 131–509 Euro; auf Wunsch Frühstücksbuffet, abends kleine Karte. Während der Schulferien und der Schweizer Sportferien im Februar ist das kinderfreundliche Haus meist komplett belegt