Die Angriffe der Gegner wären auszuhalten; wirklich hart ist, dass die reformierende SPD sich selbst nicht leiden kann. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Michael Müller hat am vergangenen Wochenende in der Berliner Zeitung über die "Aufräumarbeiten" geklagt, die seiner Partei nach den verbummelten späten Kohl-Jahren zugefallen sind; viel lieber würden die Sozialdemokraten endlich mit der "zweiten Phase" der Reformpolitik anfangen, der "Gestaltung der Wissensgesellschaft", dem Aufbauenden und Positiven.

Die Zwei-Phasen-Theorie ist parteipsychologisch begreiflich, aber sie ist ein Selbstmissverständnis, in Wahrheit wird umgekehrt ein Schuh daraus. Den positiven Gestaltungseifer der SPD, der zum Geldausgeben, Verstaatlichen und Beglückenwollen neigt, muss man fürchten. Wenn er sich der Wissensgesellschaft bemächtigt, wird wahrscheinlich etwas Ähnliches herauskommen wie die fortschrittsbürokratische Bildungspolitik der 1970er Jahre. Dagegen sind die Aufräum- und Abbrucharbeiten von heute eine große Leistung und auch im besten Sinne sozialdemokratisch. Denn mehrfach in der deutschen Geschichte ist die SPD die Partei schmerzhafter Anpassungen an die Realität gewesen, während die Rechte, die Bürgerlichen, die Konservativen sich "seitwärts in die Büsche" geschlagen haben, um mit Bundeskanzler Schröder zu sprechen.

Der klassische Fall war das Schultern der Niederlage von 1918. Mit ihrer Unterstützung für den Ersten Weltkrieg, aus Angst vor dem Vorwurf der Vaterlandslosigkeit, hatten die Sozialdemokraten des patriotisch Guten freilich ein bisschen zu viel getan; aber die Hauptbetreiber des Krieges waren sie keineswegs gewesen. Dafür bekamen sie hinterher das besiegte, ausgepowerte, international geächtete Reich gewissermaßen vor die Füße gekippt, während der Kaiser nach Holland verschwand und sein eben noch allmächtiger Feldherr Ludendorff sich nach Schweden absetzte.

Die SPD musste für den demütigenden Friedensschluss von Versailles geradestehen und die Verantwortung für die ungeliebte Weimarer Republik übernehmen. Die Rechte fantasierte derweil davon, dass die deutschen Armeen im Felde unbesiegt geblieben seien, erst durch den "Dolchstoß" aus der Heimat niedergestreckt – wo doch in Wahrheit die Novemberrevolution nicht die Ursache der deutschen Niederlage gewesen war, sondern ihre Folge, und übrigens keineswegs ein Werk der SPD. Die Sozialdemokraten (und ein paar vernünftige Bürgerliche wie Stresemann) nahmen es auf sich, sich der unangenehmen deutschen Wirklichkeit zu stellen, eingeklemmt zwischen der aggressiven Verheultheit der Nationalisten und einer nicht weniger gespensterhaften Radikallinken mit ihren Träumen von Räterepublik, Sowjetdeutschland oder Weltrevolution.

Der wichtigste sozialdemokratische Beitrag zur Geschichte der Bundesrepublik, Willy Brandts Ostpolitik, ist ebenfalls ein Stück Realitätsanerkennung gewesen, die von anderen verweigert wurde. Konrad Adenauer hatte den neuen Nachkriegsstaat im Westen verankert, im Bündnis mit Amerika und Frankreich, und sich für die Wiedervereinigung nicht sonderlich interessiert. Er wollte sie wohl, aber jedenfalls erst in zweiter Linie, nach der Westbindung. Die unabsehbare Vertagung der nationalen Sache durfte jedoch nicht zugegeben werden, und so verrannte sich die Bundesrepublik nach Osten hin in eine eigentümlich fiktive Kraftmeierei, forderte die Wiederherstellung der Grenzen von 1937, für die tatsächlich niemand einen Finger zu rühren bereit war, und zog sich bei den Nato-Partnern den Ruf des Querulantentums zu.

Mit dieser Politik des Selbstbetrugs, weil man die Folgen von Kriegsniederlage und Westbündnis nicht wahrhaben wollte, machte Brandt durch die Ostverträge Schluss. Er gab Ostpreußen, Pommern und Schlesien so verloren, wie sie eben längst verloren waren, und gewann dafür den Spielraum für eine wirkliche Politik mit Polen, der Sowjetunion und der DDR. Die antikommunistischen Nationalrhetoriker, die jahrelang nichts für die Einheit Deutschlands und Europas zuwege gebracht hatten, schalten Brandt einen Verzichtspolitiker – wieder einmal der Verratsvorwurf gegen einen Sozialdemokraten.