Mein lieber Nachbar Reinhard Bühlmeyer hatte ja ach so Recht, als er mir vor Urzeiten dieses Buch eindringlich als einen der großen Gesellschaftsromane deutscher Sprache in die Hand drückte. Leider folgenlos, ich fand nicht den richtigen Lese-Ton. Weder erschien es mir zum Kugeln tragikomisch noch den alltäglichen Lebensirrsinn erhellend, noch hatte ich das Gefühl, "auf jeder Seite den Hut ziehen zu müssen" (Hans Wollschläger in der ZEIT). Genau das passiert jetzt, macht Die Vollidioten von Eckhard Henscheid zum großen Genuss, jenen ersten Band seiner Trilogie des laufenden Schwachsinns.

Als Historischer Roman aus dem Jahr 1972 ist das Werk untertitelt, und aus ebendiesem Kunstgriff bezieht er seine umwerfende Wirkung. Pergamentener Stil und Sprache befinden sich in einer herrlichen Schieflage zur verhandelten Sache, zu den banalsten Ereignissen während sieben Tagen in Frankfurt, in Kneipen "ohne Niveau, aber mit Milieu". Mit wunderbarsten Konjunktiven der 1. und 2. Kategorie, mit sinnlichen Genitiven und erlesener Wortwahl schildert der teilbeteiligte Erzähler die finanziellen, sexuellen und beruflichen Nöte von Müßiggängern der politisch korrekten Art, sinniert über "Flachlegen", an der Theke saufen, über den ständig schnorrenden Herrn Kloßen aus Itzehoe, die heiß umworbenen, reizenden Fräuleins Czernatzke und Majewski, den unvergleichlichen Schweizer Herrn Jackopp und das restliche Personal der Frankfurter Kultur-Satire-Schickeria. Der Qualität des Rotweins wird ebenso große Aufmerksamkeit geschenkt wie dem Stellenwert des "Spielers" Max Horkheimer oder dem unvergesslichen Alfred Edel (verstorben 1993). Voller Liebe, selbst zum schwachsinnigsten Detail, schildert er das Platte in hohem Ton, angelehnt an Dostojewskijs Dämonen. Robert Gernhardt schrieb in seiner Rezension 1973 in Pardon vom "verkommenen Schwatzen" und fordert am Ende seiner begeisterten Eloge: "Wer Ohren hat zu hören, der höre."

Wer zu faul ist, selbst zu lesen, der höre 36 Stunden Musil

Nun ist das Buch wahrlich zu hören, und die kultivierte Stimme des Schauspielers, Autors und Kritikers Hanns Zischler gibt dem Text genau das richtige Maß an Hochtongefühl, das nötig ist, um all die Einschränkungen und Nebenüberlegungen, diese Luftlöcher des Denkens, ernst zu nehmen und sie nicht dem billigen Lacher auszuliefern. Die Platitüden plätschern auf höchstem sprachlichen Niveau, während der leicht fränkische Einschlag der Stimme die atemlosen Bögen bindet und dem strengen Gedanken eine verbindliche Form gibt. Welch Unterschied zu aktuellen, popliterarischen Nebensächlichkeiten, die das Belanglose belanglos abbilden.

"Sind Sie zu faul, selbst zu lesen?", fragt Hanns Zischler in seiner Prosaskizze Lesen im Beiheft zu den Vollidioten, das zudem die Pardon- Kritik von Robert Gernhardt und eine späte Entschlüsselung durch Eckhard Henscheid enthält. Wer mag, darf diese Skizze Zischlers als Steinbruch aller Argumente gegen das Vorlesen und das Hörbuch plündern, und doch widerlegt seine siebenstündige Lesung die eigenen Argumente aufs allerschönste. Bei den Vollidioten wollen wir – jawohl – "entmündigt" werden, verzichten wir "aus eigenen Stücken auf die einzigartigen Abschweifungen" beim Lesen, "auf die schönen Augenblicke der Entrückung", in denen wir den Faden verlieren. All das ist hier nämlich nicht nötig, all das liefert der Text schon selbst. Warum dann noch selbst lesen?

Dies macht auch den unglaublichen Genuss aus, den Mann ohne Eigenschaften zu hören. Wo die Freiheit des eigenen Lesens eher zum Abbruch (etwa bei Seite 700) führt, hält die österreichisch gefärbte, offene Tonlage des Grazer Schauspielers Wolfram Berger jenes gewaltige Werk zusammen, gibt sie ihm jenen privaten Klang, der leichtsinnig aufregend, nachbarlich vertraut wirkt. Es ist eine Stimme, "die sich an die Figuren wie an die Gedanken herantastet, die zögert und sich nicht allein vom Rhythmus der Sätze leiten lässt, sondern vom Essayismus des Romans, vom Möglichkeitssinn", schreibt Redakteurin Ruthard Stäblein. 36 Stunden dauert das erste Buch, auf zwei CDs im MP3-Format gespeichert (und auf den meisten neueren CD-Playern abspielbar). Im digitalen Normalfall würde dieses Großprojekt des Hessischen Rundfunks 32 CDs umfassen – 32 Regalzentimeter, die man aber bedenkenlos freiräumen würde.