Berlin, den 15. August, 11 Uhr morgens

Es wird uns ein paar Jahre jüngeren Hüpfern ja oft erzählt, dass früher in der Literaturbranche ganz anders gefeiert wurde. Feiern im Sinn von Alkoholkonsum. Anders im Sinn von Menge, Prozenthaltigkeit, Standfestigkeit. Die Maßeinheit für Literatur muss früher nicht das Buch, sondern eben der Liter gewesen sein. Heute gibt es in München 33-jährige Kritiker, die sogar das Rauchen aufgeben, weil sie es kräftemäßig nicht mehr schaffen.

Da können die Dinos von der Gruppe 47 nur lachen. Die büßen aber auch jeden Lacher mit zehn Minuten Husten. Von nichts kommt nichts. Die Kluft, die hartnäckiges von besonnenem Feiern unterscheidet, öffnet sich indes immer erst am Morgen danach, am Morgen nach der eigentlichen Hauptfeier. Abends ein bisschen Prosecco nippen und dessen Minimalreste nach Sonnenaufgang wegjoggen, kann jeder. Aber bis in die Puppen feiern, kurz wegdämmern und morgens nach einem Alibikaffee das erste Bierchen zischen, welches danach strebt, sich mit einem Grappa anzufreunden, das kann nur, wer von sich sagen darf, aus altem Schrot und Korn zu sein. Der Name dieses zur Vollendung führenden Schauspiels ist übrigens Katerfrühstück.

Nun ist der Wagenbach Verlag in Berlin, der dieser Tage seinen 40 Geburtstag feiert, geradezu ein Vorbild an verlegerischer Standfestigkeit. Wer von einem unabhängigen, standfesten deutschen Verlag mittlerer Größe spricht, meint im Grunde Wagenbach. Der Verlag wurde also 1964 gegründet, und da soll, wenn man den Erzählungen glaubt, das Feiern in der Literaturbranche in Bestform gewesen sein. Insofern ist es völlig logisch, dass der Wagenbach Verlag, wenn er sich feiert, es schon aus Tradition heraus nicht bei einem Fest am Samstagabend im Literarischen Colloquium bewenden lässt, sondern am nächsten Morgen gleich feiert. Mit einer Einladung zum Frühstück(!) in den Privaträumen des Verlegerpaares Susanne Schüssler und Klaus Wagenbach. Frühstück, denken wir Hüpfer, das wird so eine Sache mit Grappa, Bier, Rotwein und Dinos werden. Auf der Einladung steht zwar, es gäbe "Berliner Streuselkuchen", aber das, denken wir, dürfte ein Euphemismus, ein Code aus alten Zeiten sein.

Am Sonntagmorgen um 11 Uhr sind die Räume des Verlegerpaares schon gut mit Menschen gefüllt. Ein Stehempfang. Durchweg frische junge Gesichter, durchweg frische Luft, köstlicher frischer Streuselkuchen auf dem Büffet, Mineralwasser der Marke Gerolsteiner, hochwertige Säfte, Kaffee, Tee, gereicht in kleinen weißen Tassen. Auf den Tischen verteilt, große Schalen mit Steinobst und Beeren. Ebenfalls verteilt, Aschenbecher. Aber hier raucht niemand, wirklich niemand. Der Verleger Christoph Buchwald, der jetzt in den Niederlanden lebt, geht gelassen durch den Raum, auf dem Teller ein Stück Streuselkuchen und ein Glas Milch. Jeweils zwei Milchflaschen stehen neben den Kaffeekannen, Bio-Vollmilch der Marke Rogge, 3,7 Prozent Fettgehalt, das Beste, was es auf dem Milchmarkt derzeit gibt. Der Verleger Günther Berg (hieß es nicht mal, dass er auch Marathonläufer ist?) hat gar nichts in der Hand, nichts zum Essen, nichts zum Trinken. Um 12 Uhr geht ein Serviermädchen mit einem Tablett herum, auf dem sich 15 schmale, dreiviertel gefüllte Gläser mit Prosecco befinden, und es dauert knapp 20 Minuten, bis die Schlückchen unter die Gäste gebracht sind.

Es ist nämlich – um jetzt endlich von diesem blöden Saufthema wegzukommen und noch was Inhaltliches, Politisches, Verlagsgeschichtliches zu sagen – so: Nur wer sich ändert, bleibt standfest und sich treu und verlegt heute A.L. Kennedy. Von nichts kommt nichts. Vierzig Jahre Wagenbach Verlag in Unabhängigkeit. Da sagen wir Hüpfer: Prost. Im Sinn von Hochachtung.