Eigentlich hätten am Freitag vergangener Woche im Berliner Regierungsviertel die Sektkorken knallen müssen – immerhin lag das deutsche Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal mit ansehnlichen 0,5 Prozent (aufs Jahr hochgerechnet also zwei Prozent) exakt auf der Höhe Eurolands. Doch es will keine rechte Freude aufkommen. Der deutsche Aufschwung wird vor allem von den Exporten getragen, die Binnennachfrage ist nach wie vor schwach, vor allem die Konsumausgaben. Springt der Funke aber nicht über, wird der Aufschwung stocken. Denn eines ist klar: Das Wachstum der Weltwirtschaft kühlt sich seit zwei Monaten bereits wieder ab. Schuld sind der rasante Anstieg des Ölpreises und der hoch verschuldete amerikanische Konsument, der ohne weitere Steuergeschenke der US-Regierung erst einmal sein Geld zusammenhält.

War es das also?

Lauscht man dem Oberpessimisten Stephen Roach von der US-Investmentbank Morgan Stanley, beträgt das Risiko für eine globale Rezession im kommenden Jahr bereits 40 Prozent. Seine These: Die Weltwirtschaft wurde in den vergangenen Jahren vor allem von zwei Ländern befeuert – von Amerika, das die globale Nachfragemacht ist, und von China, das für das zusätzliche Angebot an Gütern sorgte. Beide Regionen haben die stürmischste Wachstumsphase aber hinter sich. In den Vereinigten Staaten hat die Notenbank just in dem Moment die Zinsen zu erhöhen begonnen, in dem die Wachstumskräfte wegen des Ölpreisschocks nachließen. "Eine in jeglicher Hinsicht riskante Kombination", nennt das Roach. Und die Chinesen bremsen seit dem ersten Quartal dieses Jahres mit Kreditbeschränkungen und Baustopps ihren Investitionsboom. Laut Roach haben sie aber erst 40 Prozent des Weges zu "normalen Wachstumsraten" hinter sich. Das Risiko einer harten Landung bleibt hoch.

So berechtigt die Sorgen des Ökonomen sind, noch deuten die Frühindikatoren nirgendwo auf Rezession hin. Allerdings dürfte die beste Zeit fürs Erste vorüber sein.

Mit Ironie schreiben die Volkswirte der Deutschen Bank über "den Sprung in den Kristallkugeln der Zentralbanken". Während in den vergangenen Wochen die Zentralbanken von England, China und den USA vor einer Abschwächung ihrer Wirtschaft gewarnt hätten, gehe nur die Europäische Zentralbank (EZB) unbeirrt von einer weiteren Erholung der Wirtschaft aus. Da passe etwas nicht zusammen, meinen die Analysten – gehen doch fast 20 Prozent der Exporte Eurolands just in diese Länder. Wahrscheinlich, so die Deutschbanker, müsse die EZB demnächst ihre Prognose korrigieren. Denn von Zinssenkungen, die die Binnennachfrage stimulieren könnten, spreche die Notenbank auch nicht.

Zur globalen Wachstumsabschwächung gesellt sich eine weitere Gefahr für Euroland: der Dollar. Die Abhängigkeit Amerikas von ausländischem Geld nimmt immer groteskere Züge an. Das Handelsbilanzdefizit sprang im Juli auf den Rekordwert von 55,8 Milliarden Dollar. Der US-Investmentbank Goldman Sachs zufolge ist Amerika auf ausländische Gelder in Höhe von 7,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes angewiesen. Wie lange werden ausländische Investoren und Zentralbanken dem Dollar noch die Treue halten? Nicht mehr lange, wie eine frische Umfrage der amerikanischen Investmentbank Merrill Lynch nahe legt: Danach avancierte zumindest der amerikanische Aktienmarkt für 51 Prozent von knapp 300 befragten weltweit agierenden Fondsmanagern zum unattraktivsten Markt. Vor zwei Monaten waren es noch 39 Prozent.

Ziehen die Investoren ihr Geld aus den USA ab, muss der Dollar abwerten. Doch was vielen noch gar nicht klar ist: Das verteuert im Gegenzug nicht nur Eurolands Exporte nach Amerika, sondern auch die nach Asien. Denn die Wechselkurse der asiatischen Währungen sind alle mehr oder weniger fest an den Dollar gekoppelt.

Für Deutschland bleiben zwei Optionen – hoffen oder handeln. Zu handeln sähe so aus: Entweder die EZB senkt die Zinsen. Oder die Bundesregierung gibt Geld aus, um den Konsum zu stimulieren.