Was gibt es über eine Kindheit in Châtain zu sagen? Aufgeschlagene Knie, Nussbaumruten, mit denen man die Tage überlistet und die Gräser niederschlägt, altmodische, nach Viehmarkt stinkende Kleider, im üppigen Schatten in Bauernsprache gehaltene Monologe, Galoppieren über die kargen Getreideschwaden (…)."

Châtain im französischen Limousin ist Provinz, wirkliche Provinz, "voller Kreuzottern, Fingerhüten und Buchweizen". Es gibt "keine Küsten, Strände oder Klippen", keiner hier "hat den Ruf des Meeres gehört, wenn der Westwind es von weit her holt und, um sein Salz erleichtert, auf die Kastanien schüttet". Doch es gibt Menschen im Limousin, so klein wie die Landschaft, denen Pierre Michon, 1945 in Les Cards geboren, in seinem Erstling und bisherigen Hauptwerk Vies minuscules ("Winzige Leben") ein Denkmal gesetzt hat.

Es ist ein sehr ungewöhnliches Denkmal. Michon macht seine unscheinbaren Helden in geschwungenen, durch Strich- und Doppelpunkte gegliederten Perioden voller Partizipialattribute zu kleinen Göttern – und reißt sie mit einem Halbsatz wieder vom Podest. "Vielleicht" ist eines der wichtigsten Wörter dieses schwärmerisch-skeptischen Stils. Konjunktivisch träumt Michon den abgeschlossenen Lebensläufen seiner Figuren hinterher: André Dufourneau etwa, ist dem Erzähler aus Erzählungen bekannt. Michons Großmutter hatte das Waisenkind auf den Bauernhof genommen und ihm die "andere Sprache" beigebracht, die der reicheren, schöneren Wörter. "Das Kind hört zu, wiederholt zunächst ängstlich, dann mit Wohlgefallen. Es weiß noch nicht, daß die schöne Sprache den Menschen seiner Klasse oder seiner Art, die näher an der Erde geboren und schneller wieder von ihr verschluckt werden, keine Größe verleiht, sondern Sehnsucht und Verlangen nach Größe."

André Dufourneau will hoch hinaus. Die Sprache der Literatur zieht seine Fantasie zuerst in die Stadt ("Er hörte junge Männer, die mit ihren Schnurrbärten das Ohr schöner, ganz aus Lachen gemachter Geschöpfe streiften"), dann als Soldat nach Afrika, schließlich will er an die Elfenbeinküste. Warum?

Vielleicht glaubt Dufourneau, der erfahrene Waise, doch nicht an das "devote Geschwätz vom sozialen Aufstieg, von der möglichen Bewährung eines starken Charakters". Vielleicht, fügt Michon hinzu, ist der Grund für Dufourneaus Afrikareise "die Gewissheit, daß sich dort drüben ein Bauer in einen Weißen verwandelt (…) einer seiner Beweggründe war offenkundig Geldgier".

Souverän changiert die Erzählung zwischen Feier und Sarkasmus, und darin eingelassen immer wieder: theoretisierende Gedanken und kommentierende Klammern. Beide, die poetische und die reflektierende Sprache zusammen, sind, sagt Michon, die beste "Waffe" gegen den "armen, alten Roman", diese etwas "erschöpfte Form".

Das klassisch komplexe Französisch musste der Bauernenkel, Halbwaise und Volksschullehrerinnensohn Michon selber "wie eine Fremdsprache" erlernen. Aus der Zusammenkunft der französischen Hochkultur und der Erdnähe der Provinz, hat sich, in den Augen der französischen Kritik, die "größte Erneuerung der literarischen Sprache seit Flaubert" ereignet.

Verständlich, dass das nicht einfach zu übersetzen ist. Glücklicherweise verfügt die in Paris lebende Schriftstellerin Anne Weber über genügend Musikalität, den Gestus der ornamentalen Feier des Randständigen in ein weniger feierliches Deutsch zu übertragen. Immer wieder hat sie sich dabei überraschende Freiheiten genommen. Wenn es schlicht "déshonorés pleins de mémoire" heißt, macht Weber die "in ihre Erinnerung verbissenen Entehrten" daraus, ohne dass je von Verbissenheit die Rede wäre. Zuweilen beschwert Weber Michons brokatreiche, aber doch auch virtuos leicht dahinfließende Sprache noch ein wenig mehr: "le charme pesant des foins", der "schwere Zauber" des Heus, wird im Deutschen hier gleich zum "schweren Bann". Doch manches ist wirklich schwer zu übertragen. Prosa-Sätze von Michon sind nicht selten versartig zugespitzt wie jene von Racine: "Une réalité, qu’à demi je perçois et que je ne comprends pas" kann im Deutschen nur fader klingen: "Eine Wirklichkeit, die ich unscharf erkenne und nicht verstehe."