Ein Theaterabend in Paris, eine Premiere. Der letzte Vorhang ist schon gefallen, jetzt beginnt ein anderes Stück, die Premierenparty. Man ist unter sich, gibt sich ganz en famille, tauscht zu schlechtem Weißwein falsche Komplimente aus und spielt: Pascal den erfolgreichen Regisseur (die Inszenierung war miserabel); Elisabeth die zufriedene Ehefrau, die leichten Mutterherzens auf ihre Bühnenkarriere verzichtet (ihr Agent hat sich seit Monaten nicht mehr gemeldet); Boris den libertinären Schauspieler-Künstler (neuerdings verspürt er heftigen Kinderwunsch) und Clara die selbstsichere Journalistin (die sich hinter einer Barrikade aus Make-up und Armreifen vor ihren Depressionen versteckt).

Es gehört zu den großen Stärken der am Theater geschulten Autorin Véronique Olmi, dass ihr bereits wenige szenische Momente genügen, um einem klar zu machen, woran man ist, und gleichzeitig nicht allzu viel zu verraten: zwei Paare, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, zwei Beziehungen, in einem zufälligen Augenblick. Die einen (Elisabeth und Pascal) lieben sich, sie haben geheiratet, sie haben Kinder. Die anderen (Boris und Clara) lieben sich nicht, das ist so vereinbart, sie haben Sex und versprechen sich nichts. Doch was für eine Zukunft lauert unter diesen glatten Oberflächen? Man spürt die haarfeinen Risse eher, als dass sie schon sichtbar wären.

Sehr privat und auf den ersten Blick fast zu unspektakulär erscheint dieses Ausgangsszenario, das die Französin Véronique Olmi für ihren dritten Roman gewählt hat. Das mag erstaunen, denkt man an ihr großartiges Debüt Meeresrand zurück, das mit dem bedrückenden Mord einer Mutter an ihren Kindern schmerzhaft in gesellschaftliche Tabuzonen vordrang. Doch bereits ihr zweites, im Mikrokosmos Familie angesiedeltes Buch Nummer sechs war sehr viel leiser angelegt und wurde hierzulande weniger des Inhalts wegen als durch Elke Heidenreichs Aufforderung Lesen! bekannt. Und nun also Eine so schöne Zukunft: Individuelle Arrangements zur allseitigen Zufriedenheit werden uns präsentiert, Abbilder großstädtisch-intellektueller Gegenwart. Doch die resolute Autorin beseitigt den schönen Schein blitzartig. Nicht lange nach jener flüchtigen Begegnung im Theater treffen die beiden Frauen zufällig in dem Moment abermals zusammen, in dem sie unwissentlich die Rollen getauscht haben: Clara sieht sich Boris’ ungeduldigem Kinderwunsch gegenüber, dem sie nicht entsprechen kann und will; Elisabeth der Tatsache, dass sie von ihrem Mann seit Jahren betrogen wird. Beides war so nicht vereinbart. Es ist das Leben, das unangemeldet vor der Tür steht.

Was man geteilt hat, kann nie mehr als unteilbar erlebt werden

In ihrem gewohnt knappen, kräftigen Stil, den Claudia Steinitz mit großer Aufmerksamkeit ins Deutsche übertragen hat, verfolgt Olmi nun die Selbsterkenntnis ihrer Protagonisten. Wie schon in ihren vorangegangenen Romanen ist es – der wesentlich komplexeren Struktur zum Trotz – auch diesmal das Ungesagte, das Ausgesparte, das die Erzählung stark macht. Der Moment etwa, wenn Pascal die banalen Worte "Elisabeth … ich muss mit dir reden…" ausspricht oder Boris verkündet: "Ich will ein Kind." Olmi gelingt es, dass Sätze wie diese eine ganze Geschichte in sich tragen. Dass ganze Lebensmodelle plötzlich in sich zusammenfallen wie ein misslungenes Soufflé.

Die Folgen sind die üblichen, wie sie der Philosoph Julien Offray de La Mettrie schon vor einigen Jahrhunderten mit dem Satz: "Was man geteilt hat, kann nie mehr ohne Krampf als unteilbar erlebt werden", auf den Punkt gebracht hat.

Kann man dem noch Neues abgewinnen? Véronique Olmi jedenfalls nutzt die Krise, um eine entscheidende Schicht tiefer in ihre Figuren einzudringen. Nicht ohne eine gewisse Brutalität beschreibt sie die seelischen Entgleisungen, die der nackten Wahrheit folgen, wenn man feststellt, dass jede weitere Selbsttäuschung unmöglich geworden ist. Und sie zeigt auch, was es kostet, unvermutet aus einer Rolle herauszufallen, mit der man sich arrangiert hatte. Denn so unehrlich und destruktiv ein solches Arrangement auch sein mag, solange es gesellschaftlich abgesichert ist, braucht man dazu keinen Mut.

Halt zu bieten vermag allein die Freundschaft der beiden so unterschiedlichen Frauen, die sich ohne viele Worte einstellt. Die Männer hingegen verblassen allmählich. Sie werden nicht mehr gebraucht, ihnen gilt, das ist deutlich zu spüren, das wahre Interesse der Autorin nicht.