Begeisterung für Europa? Ein gefühltes Jahrzehnt scheint uns von jenem 15. Februar 2003 zu trennen, als Millionen in Paris und Rom, Madrid und Berlin mit UN-Fahnen gegen den imperialen Krieg und für eine multilaterale Weltordnung demonstrierten. Wenn die Bürger in Italien, Frankreich oder Deutschland heute auf die Straßen gehen, dann zur Verteidigung eines Sozialstaats, der unter der Weltmarktkonkurrenz zusammenbricht. Und wenn sie überhaupt zur Europawahl gehen, dann, um diese Regierungen abzustrafen, welche wiederum höchste Bedenken hegen, ihnen die neue Europäische Verfassung zur Abstimmung vorzulegen, weil die französischen Bauern und die deutschen Bandarbeiter unter der Konkurrenz ihrer polnischen oder litauischen Kollegen leiden, während die dortigen Konservativen gegen das Vordringen westlicher Ökonomie und Lebensformen mobilisieren. Kein großer Gedanke, keine kollektive Begeisterung für ein kontinentales Projekt ist in Sicht, und schon gar keines, das über ihn hinausgreift.

Vom anderen Ufer des gespaltenen Westens sieht es anders aus. "Es ist jetzt an Europa, aus der Welt einen besseren Platz zu machen", schrieb Richard Rorty vor zwei Jahren, da ging es um den Weltfrieden. Und jetzt hegt Jeremy Rifkin einen "Traum von Europa", der aufs Ganze geht: ein Europa, das weltweit die Standards durchsetzt für die Bewahrung der Natur und die Menschenrechte.

Der Amerikanische Traum ist zum Albtraum der Menschheit geworden

Rifkin, der aktivistische Publizist und Leiter der Foundation on Economic Trends in Washington, liefert seit Jahrzehnten mit sozialwissenschaftlichen Analysen der US-Opposition griffige Slogans: gegen die techno-kommerzielle Erschöpfung der Natur, den gentechnischen Umbau der Menschen, die Ausmusterung der industriellen Reservearmee. Und nun legt er die Vision einer leisen Supermacht vor. Gegen den globalen Kapitalismus, die Rationalisierung der Lebenswelten, die Zerstörung der Lebensgrundlagen, die Schleifung kultureller Vielfalt durch die Medien-Multis, die Gefahren der "globalen Hochrisikogesellschaft" – so hatte er schon sein letztes Buch, Access, beendet – sei Europa mit seinen Werten, seinem Lebensstil, seiner Kultur der letzte Hort des Widerstands.

Der europäische Leser kalkuliert die mageren Chancen auf einen Sitz Europas im Sicherheitsrat, erinnert sich an die Kosovo-Blamage, erinnert sich daran, dass die Finanzminister des Kontinents nicht einmal eine rudimentäre Steuerharmonisierung zustande bringen, liest das Neueste über Hartz IV und Berlusconi, studiert das Programm vom Cinemaxx und sagt sich: Gut, aber wie? Und womit?

Rifkins Traum ist zuallererst ein populäres Lern- und Lesebuch über die zwei westlichen Zivilisationen, ihre Geschichte und die ihrer Spaltung, ihre so verschiedenen gesellschaftlichen Gewebe, ihre soziale Psychologie. Mit idealistischer Überzeichnung, vielen Details und Mut zur Vergröberung stellt er die amerikanische und die europäische Zivilisation gegenüber: ökonomischer Individualismus versus soziales Gemeinschaftsdenken; Verhandlungsdiplomatie und Kooperation versus imperialer Anspruch; Konsumismus versus Kulturorientierung; Technikwahn versus Fortschrittsskepsis. Mit wehmütigem Lächeln und ein wenig Nostalgie blickt man auf sein Bild eines Europas, in dem die politischen Eliten gebildet sind, die Städter noch ein Verhältnis zum Land haben, die Wissenschaftler nicht an die unendliche Machbarkeit glauben, die Industriellen sich als Diener an der Allgemeinheit verstehen. Ach, ein Traum. Und doch erfüllt ein kleiner Stolz den Leser, wenn Rifkin, großräumig und assoziativ wie Egon Friedell, die Zivilisationsgeschichte Europas nacherzählt, zum Nutzen der Nachgeborenen: von der "Erfindung der Zeit" durch die Benediktinermönche und der Ordnung des Raumes durch die Merkantilisten; von der Vergegenständlichung der Natur durch die Renaissance-Wissenschaftler, die dem allgemeinen Wohlstand zuarbeiteten und den ökologischen Problemen; von der Reformationstheologie, die das Individuum seelisch freisetzte – aber auch das psychische Substrat für das kapitalistische Subjekt. Danach spaltet sich Rifkins Geschichte: in Amerikaner mit puritanischer Frömmigkeit und aufklärerischer Ingenieurtüchtigkeit und Europäer mit ihrer "räumlich" beengten, paternalistischen und gemeinschaftlichen Lebensweise, die Freiheit bis heute nicht im autonomen, einsamen Selbst, sondern in Bindungen aller Art suchen und, da "auf jeden Adam Smith ein Rousseau kam", bis heute hinter die Freiheit des Eigentums ein großes Fragezeichen setzen.

So weit, so richtig. Aber was soll "uns Europäern" diese Europakunde für patriotische Amerikaner, denen ihre Schulbücher gesagt haben, dass es nächst dem Paradies nichts Besseres gibt als den American Way of Life. Stimmt, von Kansas City aus gesehen, sind die europäischen Kriminalitätsraten, der schwedische Mutterschaftsurlaub, die französische 35-Stunden-Woche, die Urbanität Prags schlicht paradiesisch. Und es kann nur gut sein, wenn Rifkin, als unbezahlter Agent des Goethe-Instituts gleichsam, das amerikanische Jobwunder enttarnt, die Reichtumsverteilung kritisiert und den obszönen Ressourcenverbrauch oder die stolze Wirtschaftsleistung Europas preist. Diese Aufklärung mündet in der Botschaft: Der Traum vom individuellen Glück und von der Effizienz des freien Marktes ist ausgeträumt, der Amerikanische Traum ist zum Albtraum der Menschheit geworden. Wacht auf, und seht auf Europa. Und vergesst alle nationalen Lösungen, sei die Nation noch so groß. Die Menschheit braucht eine neue Verfassung.

Um nichts weniger geht es in diesem optimistischen, wenn auch gelegentlich redundanten Mutmach-Buch. Die Institutionen des 21. Jahrhunderts. Rifkin sieht sie in der weltweiten Ausbreitung der CSOs, der Civil Society Organisations, der Netzwerke von Bürgerorganisationen. Sie füllen immer effizienter die Lücken der Politik, verteidigen lokale Kulturen und Minderheiten und klagen weltweit Menschenrechte und eine nachhaltige Wirtschaft ein. Und zum andern und mit Erwartungen beladen: die EU. Sie, nicht die UN, ist für Rifkin das Modell für eine kommende Weltgesellschaft. Hier ist eine extraterritoriale Form der Regierung verwirklicht, die mit Durchsetzungsmacht gegenüber den Mitgliedern ausgestattet ist, dabei offen für Erweiterungen, ein zwingender politischer Verband, der durch gemeinsame Werte verbindlich definiert ist, nicht durch Nationalitäten.