Der Wahlkampf zwischen George Bush und John Kerry wird von den Managern ihrer Kampagnen bis zur kleinsten Geste durchgeplant. Dem entzieht sich jedoch Teresa Heinz Kerry. Diese verfügt nicht nur über eine Milliarde Dollar Privatvermögen, sondern auch über ein loderndes Temperament. Soll sie nun "sie selbst" bleiben – oder durch Verstellung zur First Lady werden? Der Ethikrat würde sie gern siegen sehen.

Sie ist selbstbewusst, unberechenbar, weiß Journalisten in fünf Sprachen zu beleidigen und erweist sich, glaubt man dem Wahlkampfstab ihres Mannes, als absolut beratungsresistent. Seit Teresa Heinz Kerry auf der politischen Bühne steht, wittert Amerika deshalb ein wahlentscheidendes Dilemma: "Bewahrung der Authentizität oder zielführende Verstellung im Dienste der Nation?", so lautet die demokratische Schicksalsfrage an die mögliche First Lady. Der Ethikrat muss diese Alternative hingegen als scheinbar zurückweisen.

Denn wer seine Eigentlichkeit derart unter Druck spürt, hat sie damit bereits verloren. Einmal eingelassen in die Sphäre des Politischen, gibt es kein wahres Selbst mehr, sondern nur noch mehr oder weniger effektive Rollen.

Das Wahlkampfdilemma der Teresa Heinz Kerry verweist allerdings auf ein Problem, welches das Abendland seit seinen demokratischen Anfängen schwer belastet. Dieses Problem ist die Frau. Wohin damit, wohin mit ihr? Die Geschichte des politischen Denkens hält, von Aristoteles bis Nietzsche, für die Frau im Wesentlichen eine öffentliche Rolle bereit: das Schweigen.

In Gestalt der amerikanischen Präsidentengattin verdichtet sich damit eine kulturprägende Grunderwartung, besteht doch ihre eigentliche Kernkompetenz nach wie vor darin, fehlerfrei auf dem Sofa zu sitzen.

Die einzige Alternative zu dieser lächelnden Selbstverleugnung lag für die politische Frau von je in einem bewussten Unterlaufen der herrschenden Vernunft. Nirgendwo wird diese aktive Verweigerung eindrucksvoller verkörpert als im Lob der Torheit des Erasmus von Rotterdam. Ungefragt ergreift dort die Stultitia – als Torheit selbstverständlich eine Frau – das öffentliche Wort und lehrt das Establishment mit rhetorisch versiertem Mutterwitz das Fürchten.

Wird ein derart forsches weibliches Selbstbewusstsein, wie im Falle der polyglotten Ketchup-Erbin Teresa Heinz Kerry, auch noch von einem freiheitssichernden Milliardenvermögen gedeckt, versagen sämtliche Regulierungsmechanismen.