Ich führe ein Doppelleben, sagt die Frau. Sie hat üppige Locken und Augen, tief wie Brunnen in der Wüste. Zu Hause bin ich die liebe nette Tochter, meine Familie käme niemals auf die Idee, dass ich gegen die Regeln der arabischen Gesellschaft verstoßen könnte, Hasi, bring mir noch ’n Tee!

Das Studentencafé Chagall unter den S-Bahnbögen in der Georgenstraße bietet ein kontinentales Frühstück inklusive Kaffee für 2,60 Euro sowie eine riesige Deckenmalerei auf blauem Grund. Schiefe Häuser, Weinflaschen und Kerzen im Wind, Engel der Liebe und des Wahnsinns – Grüße von Chagall. Man ist meist in Grüppchen hier, Mädchen öfter zu zweit. Beschwingten Schritts schreitet ein Professor herein, sein langes graues Haar weht im Zug der offenen Tür, das Jackett hat er locker über die Schultern gehängt, ein Alt-68er ohne Zweifel, fast wäre meine Wahl auf ihn gefallen. Dann aber sah ich die Frau mit dem orientalischen Gesicht, sonderbar autonom, sie wurde meine Bekanntschaft, es ist ein heißer Sommertag, Semesterferien.

Eine Schwarzäugige mit einem Gesicht, schöner als der Mond, mit starken Hüften und einer zarten Taille – so werden Frauen wie sie in den Märchen aus Tausendundeiner Nacht beschrieben. Die Jurastudentin Fatme El-Sharif ist 29, in Berlin geboren, ihre Eltern kamen 1970 aus Ägypten nach Deutschland. Alle paar Wochen stellt ihr der Vater einen neuen Mann vor, der um ihre Hand anhält. Junge, sagt Fatme zu dem Kandidaten, wenn sie allein sind, Junge, du willst doch ’ne liebe Frau, die zu Hause sitzt und putzt und Kinder kriegt, ja? Also, ich hasse Kinder, ich will zu Ende studieren, ich will leben. Fühlen Ihre Eltern, dass Sie anders sind? Sie halten es nicht für möglich, sagt Fatme; neuerdings denken sie, dass ich unfruchtbar bin, ich habe einen Arzt gefunden, der mir das bescheinigt hat, nun bin ich die arme unverheiratete Unfruchtbare, islamisch gesehen das Letzte. Wie können Sie leben unter dauernder Kontrolle? Meine Familie kontrolliert mich nicht, ich mache ja den Eindruck, total unter ihrer Kontrolle zu sein. Wenn ich abends ausgehen will, sage ich, die Cousine X-Ypsilon hat angerufen, sie hat fünf Kilo Weinblätter, ich soll ihr helfen, sie mit Reis zu füllen. Ich bin ziemlich gläubig, wissen Sie, aber ich kann nicht leben wie die Frauen, die sechs Kinder kriegen und ihrem Mann, wenn er nach Hause kommt, die Füße waschen, die Wasserpfeife bringen und nichts zu sagen haben außer, wo es frisches Gemüse und billiges Fleisch gibt; diese Sklavinnen sind mitschuldig. Sie haben den Koran nicht verstanden.

Niemals, niemals, niemals werde ich mich in einen arabischen Mann verlieben! – Fatme dreht ihre langen Locken am Nacken zusammen, um sie gleich wieder freizulassen, sie wiederholt es, laut: Niemals! Sieben Jahre war sie mit einem deutschen Mann zusammen, heimlich, nie über Nacht, immer in Angst vor Entdeckung. Dass er das irgendwann nicht mehr aushielt, erzählt sie, dass sie erleichtert war, als er Schluss machte. Lange, sagt sie, fühlte ich mich mehr deutsch als arabisch. Eines Tages sah ich mein Gesicht an und sagte mir, eh, Fatme, du bist orientalisch, das ist cool!

Was ist heute, in diesem Moment, wichtig für Sie? Ich treffe mich am Abend mit Markus, meinem neuen Freund, sagt die heimliche Rebellin, ich muss das Treffen gut organisieren, meine Cousine könnte zehn Kilo Weinblätter bekommen haben. Frau El-Sharif, verurteilt zu einem Dasein als Geheimnisträgerin, lächelt verdeckt: Ich lüge, um zu leben, auch mein Name ist gelogen.