Es ist einer der merkwürdigsten Doppelsinne der deutschen Sprache: die Aufgabe als Prüfung und die Aufgabe als Eingeständnis des Scheiterns. Gar nicht so merkwürdig, meinen die Etymologen. In beiden Fällen geht es um die Überlassung von etwas Persönlichen. Das eine Mal vergibt jemand eine Arbeit aus seiner Zuständigkeit. Das andere Mal ergibt jemand sich seinem Schicksal.

Aufgeben tut, wer an einer Aufgabe verzweifelt, und das macht wenig Freude. Trotzdem wird am meisten da aufgegeben, wo Menschen Spaß haben wollen, nämlich beim Spielen. Je anspruchsvoller das Spiel, umso wahrscheinlicher wird ein solches Ende. Auf einem Schachturnier etwa ertönt kaum je ein triumphierendes "Matt!". Viel öfter hört man, wie jemand Luft holt, den Stuhl zur baldigen Flucht schon einmal vom Tisch abrückt und dann sagt: "Ich gebe auf."

Eine Respektbekundung, könnte man meinen; doch tatsächlich hat das Aufgeben mit dem Gegner nur wenig zu tun. Ein Tennisspieler zum Beispiel macht auch bei einem hoffnungslosen Rückstand weiter; denn seine Partie besteht aus Hunderten einzelner Ballwechsel. Jeder für sich ist ein Spiel, und er darf bis zur letzten Sekunde hoffen, wenigstens eins davon zu gewinnen. Er gibt sich nur dann geschlagen, wenn er derart lädiert ist, dass er die Rolle des Mitspielers ohnehin kaum mehr einnehmen kann. So geht es dem Schachspieler, wenn er nach dem Verlust wichtiger Figuren gleichsam einbeinig mit zerbrochenem Schläger an der Grundlinie steht und nur noch zuschauen kann, wie die Bälle vor ihm aufschlagen.

Das perfekt entworfene Spiel würde eine solche Konstellation nicht zulassen. Es würde in einem dynamischen Gleichgewicht beginnen, dann immer turbulenter hin- und herwogen, um dann, nach dem Moment der Entscheidung, wie ein Drama zügig zu enden. Aber selbst die besten Spiele von Menschenhand ähneln dafür zu sehr dem Leben, das ja meist auch zum Schluss hin beträchtlich an Spannung verliert.

Das Aufgeben behebt dieses Manko und baut auf das, was das Spiel vor dem Leben auszeichnet: Man kann immer wieder von vorn beginnen und die Erfahrung vergangener Niederlagen zu seinem Vorteil verwenden. Jedes Spiel ist die Vorbereitung auf das nächste. Darum spielt man es vernünftigerweise nur so lange, wie es lehrreich ist. Die Spielkunst liegt also nicht zuletzt darin, den richtigen Punkt für die Aufgabe zu finden. Der Tennisspieler etwa lernt, nicht jedem Ball hinterherzulaufen. Im Backgammon behaupten sich Menschen nur darum gegen Computer, weil denen schwer beizubringen ist, wann sie den Einsatz verdoppeln sollten und wann sie lieber passen.

Das Publikum indes ist solchen Kalkülen abhold. Es liebt die Kämpfer, die spielen, als ginge es um ihr Leben. Doch zumindest die Literatur ist mittlerweile über die Gladiatorenverehrung hinaus. Die heldenhaftesten Aufgeber finden wir natürlich bei Kafka. Seine verstoßenen Söhne, abgewiesenen Bittsteller, ratlosen Landärzte, hingehaltenen Angeklagten erfahren im Moment der Niederlage den Trost, endlich im Einklang mit den Regeln zu stehen: Als Spielsteine haben sie zuletzt vielleicht mehr vom Spiel als selbst der gute Spieler.

Michael Allmaier