Je Kandidatin die Merkel, desto Strauß der Stoiber – so lautet nach diesem Sommer die neue Faustformel der Union. Je sicherer also die CDU-Chefin als Kanzlerkandidatin für 2006 feststeht, desto mehr verhält sich der bayerische Exkandidat und Noch-Ministerpräsident wie sein legendärer Vorgänger Franz Josef Strauß. Der hat einst seinen Konkurrenten Kohl als "total unfähig" bezeichnet. So ähnlich, jedenfalls so persönlich hat es nun auch Stoiber über Merkel gesagt ("Leichtmatrose"). Die CSU könnte auf diesem Weg wie in den späten Siebzigern noch einmal zum irrationalen Faktor der CDU werden.

Das zweite Ergebnis dieses Sommers ist etwas positiver für die Opposition: Sie ist jetzt ganz und gar wach. Wer im Juni noch davon geträumt hatte, die rot-grüne Regierung – spätestens! – bis 2006 wegfegen zu können, ist nun ziemlich kalt geduscht. Der kurze Sommer des schwarzen Opportunismus hat gezeigt, dass es nicht geht: Die Union kann Rot-Grün nicht zugleich links und rechts überholen, nicht zugleich ein bisschen PDS und ein bisschen FDP sein.

Die in dieser Woche zurückgekehrte Parteichefin hat infolgedessen gleich umgesteuert: Die Union steht jetzt wieder mehr zu Hartz IV und überlässt das Demonstrieren den vermeintlich oder tatsächlich Betroffenen. Doch ist die Sache damit nicht erledigt. Im Gegenteil, sie fängt erst an. Spätestens bis zum CDU-Parteitag im November müssen sich die Christdemokraten aus ihrer Reformambivalenz lösen, sie müssen für mehr Reformen sein, als Schröder sie macht – oder für weniger. In welche Richtung die Union ihren inneren Widerspruch auflösen wird, lässt sich leicht vorhersagen. Da links von der SPD schon die PDS sitzt, wird Angela Merkel ihre eigene Agenda 2010 entwerfen, mit all den Schwierigkeiten, die das bei den Wählern so macht. Sie geht damit ein Risiko ein und wird schon darum viele gegen sich haben, mindestens die, die das Risiko scheuen oder Landtagswahlen vor sich haben wie Jürgen Rüttgers, der im Mai 2005 NRW erobern möchte.

Kanzler kommt von Kämpfen. Und das wird Angela Merkel im November tun müssen, anders als zuvor. Denn dann wird es nicht nur um sie gehen. Vielmehr steht zusammen mit ihrer Macht die politische Grundrichtung der CDU auf der Tagesordnung. Wenn sie gewinnt, dann ist sie einen Schritt weiter, wodurch sofort die neue Faustregel in Kraft tritt: Je Kandidatin die Merkel, desto Strauß der Stoiber. Da kommt Freude auf. Im Kanzleramt. Bernd Ulrich