Kein Zweifel, das Wesen des Kinos ist konspirativ. Heimtückisch kontrolliert es den Zuschauer, zupft an seinen Gefühlen, spielt mit seinen Erwartungen, stürzt ihn in Angst und Katharsis. Machtlos hängt er im Gespinst der Drehbücher, tappt in Fallen, folgt willenlos noch den wackeligsten Spannungsbögen. Wenn das Kino eine einzige große Verschwörung ist, dann ist der Regisseur Jacques Rivette zugleich ihr größter Feind und Meister.

In einem hellsichtigen Kinotext wehrte sich der ehemalige Filmkritiker und Nouvelle-Vague-Pionier einst dagegen, aus Spannung und Gefühl einen Drehbuchparcours zu bauen und den Zuschauer wie eine Laborratte hindurchzujagen. In seinen Filmen erzeugt Rivette die Spannung, indem er einfach nur ihre Zeichen benutzt: Revolver, geheime Briefe, finstere Gestalten, Spielhöllen und Geheimbünde. In diesem Kino ist die Verschwörung immer schon da, und deshalb muss sie auch nicht mehr erzählt werden.

Seit jeher sind Rivettes Filme durchdrungen von einer mythischen Atmosphäre. Beharrlich kreisen sie um Geheimnisse, deren Auflösung niemand ernsthaft betreibt, am wenigsten der Regisseur selbst. Ob er einen Thriller, einen Gangsterfilm oder ein detektivisches Theaterrätsel dreht, stets schickt er seine Figuren durch eine Welt, die einem verwunschenen Irrgarten gleicht – so undurchdringlich wie die Vorsehung oder das Leben selbst.

Auch Rivettes neuer Film Die Geschichte von Marie und Julien betreibt ein heimtückisches Spiel mit den Insignien des Thrillers. Wir sehen Julien, einem gut situierten Uhrmacher mittleren Alters (Jerzy Radziwilowicz) dabei zu, wie er rücksichtslos eine Frau erpresst. Madame X (Anne Brochet) handelt mit kostbaren Stoffen dubioser Herkunft. Gefälschte Zertifikate und geheimnisvolle Umschläge machen die Runde, auf konspirative Treffen folgen harte Verhandlungen. Während wir nicht einmal ahnen, wie tief die Figuren in kriminelle Machenschaften verstrickt sind, was sie tatsächlich voneinander wissen oder wollen, hat Rivette sein Ziel schon erreicht. Wieder hat er ein unsichtbares Netz ausgeworfen, seine Helden in jene Aura aus Verdacht und Mys-terium gehüllt, die den Worten Ernst und den Gesichtern unergründliche Schönheit verleiht.

In der Geschichte von Marie und Julien spielt Emanuelle Béart eine Heldin, auf deren schmalen Schultern alle Geheimnisse der Welt zu lasten scheinen. 1991 war sie in Jacques Rivettes Film Die schöne Querulantin als Aktmodell zu sehen, dessen blühende Schönheit einem alten Maler die eigene Sterblichkeit bewusst machte. In Die Geschichte von Marie und Julien muss sie selbst erst einmal zum Leben erwachen. Rivettes Kamera liebt Béart und sucht zugleich das Bild der Frau, die um die eigene Zeitlichkeit kämpft. Béart spielt Marie, eine Wiedergängerin, ein innerlich erstarrtes Filmgespenst auf der Suche nach Erlösung durch die Liebe. Mit der ganzen Hoffnung und Sehnsucht einer Liebenden zieht sie in das Haus des Uhrmachers und erfüllt die Räume doch mit bleierner Melancholie. Obsessiv durchforscht sie seine Vergangenheit, streicht ruhelos umher, räumt zwanghaft in einem Dachzimmer herum, wirkt verloren, einsam, ratlos. Somnambul scheint Marie nach etwas zu suchen. Aber wonach? Auch Julien bekommt sie nicht zu fassen. Nur in den Momenten der Leidenschaft finden die beiden für einen kurzen Moment zueinander.

Trotz seiner metaphysischen Überhöhungen und kabbalistischen Untertöne erzählt auch dieser Rivette-Film auf geradezu schlichte Weise von den normalen Wirrungen einer Beziehung. Die aneinander vorbeitickenden Uhren in Juliens Arbeitszimmer bilden die Rhythmen zweier Menschen, die auch in ihrem Zeitgefühl zueinander finden müssen. Die Liebe als ghost story, als Synchronisation von Augenblick und Erinnerung, Gegenwart und Vergangenheit, gemeinsamer Ober- und individueller Unterwelt.

Keinesfalls aber sollte man Jacques Rivettes Bedeutungsspiele und Verschwörungsversuche allzu ernst nehmen. Schließlich ist der Diskurs für ihn nur ein wackeliges Gerüst, das man erklettern muss, um den Blick freizumachen für das, was sein Kino ausmacht: Das diskrete und doch seltsam glamouröse Licht. Die purpurnen Farben. Eine Tonspur, die den kleinsten Wind und jedes einzelne Blatt im Park zum Sprechen bringt. Und natürlich die große Zuneigung zu den Menschen und den Dingen. Am zartesten ist Rivette, wenn er Julien bei der Arbeit filmt, die sicheren Griffe, mit denen er die Mechanik einer riesigen alten Uhr betastet, an Rädchen dreht und im leisesten Ticken nach dem Fehler sucht. Oder wenn sich die Kamera in aller Gelassenheit auf eine Katze konzentriert. Mit vorsichtigen Schritten erkundet das Tier die Tiefen eines alten Chronometers. Manchmal sitzt es auch nur regungslos auf dem Küchentisch und schaut den Menschen bei ihrem seltsamen Treiben zu.