Iraks Schiiten verdienen ein nachträgliches Lob. Sie waren lange sehr friedlich. Länger jedenfalls als viele ihrer sunnitischen Landsleute, die gleich nach dem Einmarsch der Amerikaner zu den Waffen griffen, um die Besatzer zu bekämpfen. Nun aber toben seit Wochen heftige Kämpfe in Nadschaf. Vorbei ist es mit dem Frieden zwischen Besatzern und Schiiten. Wie kam es dazu?

Mokhtada al-Sadr, der Name ist die erste Antwort. Ein radikaler, schiitischer Mullah, der Amerika hasst und sich im neuen Irak möglichst viel Macht mit der Waffe erobern will. Er scheint der Hauptschuldige zu sein. Dafür sprechen seine Brandreden, die er seit dem Einmarsch der Amerikaner immer wieder gehalten hat, der erste Aufstand im April unter seiner Führung und nun die zweite Rebellion seiner so genannten Mahdi-Armee. Er betrieb als einer der Mächtigsten antiamerikanische Agitation, unnachgiebig und hitzköpfig.

Mokhtada al-Sadr wird gemeinhin als Außenseiter bezeichnet, dem die Mehrheit der Schiiten nicht folgt und der daher mit seinem Kurs nichts erreichen kann. Für einen Außenseiter macht er jedoch ziemlich viele Schwierigkeiten. Heute gilt er als der nahezu Alleinschuldige an der Misere. Ist er einmal weg, dann kann dem neuen Irak nichts mehr im Wege stehen, das suggerieren die irakische Regierung und die USA. Darum lassen sie erneut Panzer und Soldaten um Nadschaf auffahren. Sie wollen dieses Hindernis endlich abräumen.

Während sich die Mahdi-Armee und US-Soldaten in dieser Woche erbitterte Gefechte lieferten, traten in Bagdad 1300 Iraker zur Nationalen Konferenz zusammen. Sie sollten die ersten allgemeinen Wahlen vorbereiten, die im Januar 2005 abgehalten werden sollen. Vieles wurde entschieden, und doch stand die Lage in Nadschaf im Zentrum der Debatte. Es erhoben sich lautstarke Proteste gegen die harte Politik der Regierung unter Ministerpräsident Ijad Allawi. Scheich Hussein al-Sadr, ein Verwandter Mokhtadas, sagte voller Sorge: "Milizen darf es im neuen Irak nicht geben. Aber wir müssen zusammenarbeiten, um Mokhtada und die lieben Brüder der Mahdi-Armee davon zu überzeugen, dass sie sich in eine politische Partei umwandeln müssen!"

Jene, die al-Sadr Konkurrenz machen könnten, sind tot oder krank

Hussein al-Sadr ist nur einer unter vielen, die darauf bestehen, Mokhtada und seine Anhänger in den politischen Prozess zu integrieren. Das zeigt, wie ernst sie die Sache nehmen. Es geht offensichtlich nicht nur darum, einen Desperado auszuschalten. Mokhtada mag zwar ein Verrückter sein, aber die Sache, die er vertritt, ist nicht verrückt – es ist die Sache aller Schiiten.

Es ist recht einfach, ihre Motive zu beschreiben: Die Schiiten stellen die Bevölkerungsmehrheit und waren trotzdem seit Gründung des Iraks von der Macht ausgeschlossen. Das soll ihnen nie wieder passieren, lautet der Konsens, der seit dem Sturz Saddam Husseins alle schiitischen Führer eint. Allerdings sind zwei der wichtigsten von ihnen nicht mehr am Leben. Abdel Madschid al-Khoi war im April 2003 in Nadschaf erstochen worden, und Bakr al-Hakim fiel im August 2003 einem Bombenattentat zum Opfer. Beide waren auf ihre Art gemäßigte Männer, die mit der Besatzungsmacht ins Geschäft kommen wollten; beide wollten durch vorsichtige Verhandlungen erreichen, dass die Schiiten im neuen Irak nicht marginalisiert würden. Auch der dritte und wichtigste Führer der Schiiten baut vor allem auf die Zahl seiner Glaubensbrüder. Ayatollah Ali al-Sistani hat nie zu Gewalt aufgerufen, sondern nur immer schnelle Wahlen gefordert. Das schien ihm der beste und einfachste Weg zum Ziel zu sein. Aber al-Sistani liegt derzeit mit einem Herzleiden in einem Londoner Krankenhaus. Und so sind durch Mord und Krankheit die Gemäßigten von der Bildfläche verschwunden. Es bleibt Mokhtada als hauptsächlicher Interpret schiitischer Sehnsüchte.

Das allein erklärt aber die Besorgnis nicht, mit der viele Delegierte der Nationalen Konferenz auf Nadschaf schauen. Sie wissen, dass in der heiligen Stadt eine Symbolfigur entstehen könnte, die weit über seine eigene religiöse Gemeinschaft hinaus ausstrahlt. Ein Nationalheld Mokhtada al-Sadr ist im Werden. Das ist die Befürchtung.