Vor zwölf Jahren sprach der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl vom "Staatsnotstand". Menschenfluten sah er am Horizont, Arbeits- und Sozialmigranten auf dem Weg von Ost nach West. Das war Phase eins im Spiel mit der Furcht vor der vermeintlich nicht zu bremsenden Zuwanderung nach dem Fall der Mauer.

Phase zwei folgte vor der EU-Osterweiterung: Wieder sollten es Millionen sein, die sich auf der Suche nach Arbeit und Einkommen auf den Weg vom armen in das reiche Europa machen würden, aus Polen, Tschechien oder der Slowakei nach Frankreich, Deutschland und Österreich. "Bis zu fünf Millionen in 15 Jahren" werde allein die Bundesrepublik aufnehmen müssen, prognostizierte 2001 das Münchner Ifo-Institut.

Die befürchtete Einwanderungswelle hat es nicht gegeben. Sie wird – schlecht für Deutschland, das gute Fachkräfte schon sehr bald benötigt – auch nicht kommen. "Übertrieben" seien die Prognosen gewesen, heißt es heute bei den deutschen Gewerkschaften, in deren Reihen die Panik einst besonders grassierte. "Überzogen" nennen in Berlin Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) die Befürchtung, Ost-Ausländer könnten West-Beschäftigten massenweise ihre Jobs wegnehmen. "Unverständlich" finden slowakische Migrationsforscher die Angst der alten EU, als "unangemessen" bezeichnen sie ihre polnischen Kollegen.

Auch deshalb, weil die neuen Staaten der Union künftig mindestens ebenso sehr zum Ziel von Migranten werden dürften wie die alten. Schon jetzt bevölkern Zehntausende illegale Einwanderer Städte wie Warschau, Budapest oder Prag; die EU-Armutsgrenze hat sich weiter gen Osten verschoben. Dort kann ein gelernter Arzt aus der Ukraine heute mit Hilfsarbeiten das doppelte seines heimatlichen Salärs verdienen. Polen, Ungarn, die Slowakei und Tschechien werden somit zu attraktiven Einwanderungsländern für Menschen aus der Ukraine und Weißrussland und zunehmend auch aus Asien und Afrika.

Die Fakten: Seit Beginn der neunziger Jahre seien, so der DIW-Experte Herbert Brücker, etwa eine Million Menschen aus den neuen Beitrittsländern sowie aus Bulgarien und Rumänien legal in die Staaten der alten EU eingewandert. Davon blieben 600 000 in Deutschland. Sie machen mithin weniger als 0,8 Prozent der hiesigen Bevölkerung aus.

Zu den legalen Migranten kommen nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbunds etwa 300000 Saisonarbeiter, die zwischen einem und drei Monaten etwa auf Obst- und Gemüsefeldern die Arbeit erledigen, die Deutsche nicht übernehmen wollen. Verschwindend gering ist mit höchstens 8000 pro Jahr die Zahl der Tagespendler, die aus Tschechien und Polen über die Grenze kommen.

Wie viele illegale Immigranten aus dem Osten nach Westeuropa eingesickert sind, weiß niemand genau. Schätzungen gehen von höchstens drei Millionen Menschen aus, unter ihnen wiederum viele Wanderarbeiter, die nur für einige Monate im Jahr als Putzhilfen, Kindermädchen, auf Baustellen oder in Gaststätten schuften, um dann nach Hause zurückzukehren. Die IG Bau vermutet, dass es in der Republik bis zu 300000 illegale Baubeschäftigte gibt, die aber zum Teil aus Portugal und Großbritannien kommen.

Für die neuen EU-Bürger bleiben die Grenzen vorerst verschlossen