Die Autoren dieses Bandes, alle drei Mitarbeiter der Berliner Birthler-Behörde, vertreten eine klare These: Im Westen sei der Aufstand des 17. Juni nicht verstanden und schmählich vernachlässigt worden, im Osten habe er keinen Eingang ins Selbstwertgefühl der Bürger gefunden. Um keine diffuse Volkserhebung, um keinen bloßen Arbeiteraufstand gegen den Normendruck habe es sich gehandelt, sondern um eine revolutionäre Umwälzung mit demokratisch-emanzipatorischer und nationaler Stoßrichtung. Für die Autoren ergibt sich deshalb der Fluchtpunkt zum hoffnungsvollen Scheitern von 1848 ebenso zwanglos, wie sie jene "zweite Gründung der DDR" gleichsam als Generalprobe zur friedlichen Revolution von 1989 betrachten.

Nicht alles ist neu, was die drei Autoren mitzuteilen haben. So sind die ernüchternden und oft peinlichen geschichtspolitischen Streitereien um den 17. Juni in Westdeutschland längst grundlegend erforscht worden. Doch was die Verfasser an Gelehrsamkeit aufbieten, was sie an Quellen und Sekundärliteratur zusammentragen, bleibt erstaunlich und ist oft genug fruchtbar. Niemand hat bisher so exakt und materialgesichert den vielfältigen Widerstandsgeist im deutschen Osten und seine Erhebungsgeschichte im Umkreis des 17. Juni rekonstruiert. Hier finden sich in der Tat etliche Belege für die grundlegende These der Autoren, sodass künftig niemand ohne weiteres zur klischierten Dissidenzgeschichte der DDR wird zurückkehren können.

Diese ausladende Studie über jene "verdrängte Revolution" kann man im Reizklima unserer geschichtspolitischen Selbstverständigungen nur nachdrücklich empfehlen.