Als Hassan Jomaa am Ende war, freuten sich einige. Zu steil war sein Aufstieg gewesen, vom unbekannten Postdoc zum Autor einer aufsehenerregenden Studie in Science, vom arbeitslosen Wissenschaftler zum Firmenchef, vom namenlosen Mediziner zum Malaria-Bezwinger. Als Jomaa Insolvenz anmelden musste, triumphierten die Neider und schickten ihm anonyme Glückwunschkarten. Das war im Herbst 2002. Mittlerweile steht er wieder im Labor, vor seiner Arbeitsgruppe, vor Studenten im Hörsaal.

Freitagmorgen, Viertel nach acht an der Universität Gießen. Zum wöchentlichen Seminar der Arbeitsgruppe Jomaa gibt es Kuchen. Zwei große Bleche Donauwelle. Die Atmosphäre ist entspannt, die Forscher erklären der neuen Doktorandin, welches Protein wie isoliert wird und warum die Handbremse an ihrem Auto nicht funktioniert. Dazu scheint die Morgensonne durch giftgrüne Vorhänge in den Seminarraum. Das Mobiliar stammt aus den siebziger Jahren, brauner Teppichboden, Einbauschränke, Einbautische. Hier lässt sich nichts bewegen. Hassan Jomaa hat es trotzdem versucht.

Die Geschichte vom rasanten Aufstieg und Fall des im Libanon geborenen Mediziners beginnt 1998. Ein Jahr zuvor war Jomaa von Würzburg nach Gießen gekommen, um in der Uniklinik als Arzt zu arbeiten. Schnell wendet er sich aber der Grundlagenforschung zu – auch wenn er dort zunächst nicht bezahlt wird. Nachdem er den Job in der Klinik gekündigt hat, beginnt er in einem Labor zu forschen, das ihm sein Mentor, der Biochemie-Professor Ewald Beck zur Verfügung stellt.

Dort macht Jomaa zwei Entdeckungen, die sein Leben vollkommen verändern sollen. Zuerst findet er bei dem Malaria-Erreger Plasmodium falciparum einen Stoffwechselweg, der sonst nur bei wenigen Bakterien und Pflanzen vorkommt – aber nicht beim Menschen. Jomaa erkennt sofort die Bedeutung dieser "DOXP"-Wirkungskette: Sie wäre ein idealer Ansatzpunkt für neue Medikamente gegen Malaria, die Seuche, an der jährlich 500 Millionen Menschen erkranken, zwei Millionen sterben – und gegen die vorhandene Mittel zunehmend unwirksam werden. Die zweite Entdeckung macht Jomaa am Schreibtisch, als er in einer zehn Jahre alten wissenschaftlichen Studie blättert. "Ich habe hyperventiliert, bin durch alle Räume gerannt", erinnert er sich. In der Publikation wurde die Wirkung des Antibiotikums Fosmidomycin auf verschiedene Bakterien getestet. Ergebnis: Nur solche Erreger werden durch Fosmidomycin getötet, die den DOXP-Stoffwechselweg haben. Gilt das also auch für den Malaria-Erreger?

Jomaa recherchiert: Die Substanz wurde in den siebziger Jahren vom japanischen Pharmaunternehmen Fujisawa als Antibiotikum entwickelt. Fosmidomycin kam jedoch nie auf den Markt, weil es gegen zu wenige Bakterienarten wirkt. Inzwischen ist das Patent auf die Substanz abgelaufen. Jomaa wittert seine Chance, versucht das Antibiotikum selbst herzustellen – vergeblich. Doch er gibt noch nicht auf. Er bietet Klaus Weidemeyer, einem damals arbeitslosen Chemiker, für die Synthese der Substanz 1000 Mark aus eigener Tasche. Der begibt sich an die Arbeit, tut sich zunächst aber schwer. "Fujisawa hatte die Herstellung absichtlich falsch publiziert", sagt Jomaa. Doch Weidemeyer findet den Fehler. Von da an produziert er Fosmidomycin kilogrammweise.

Der Traum vom großen Geld verflüchtigte sich schnell

Jomaa kann den Wirkstoff endlich zu Kulturen des Malaria-Erregers geben. "Es war sensationell – die Parasiten waren nach zwei Tagen tot", sagt er. Mäuse, infiziert mit tödlicher Nagetier-Malaria, wurden innerhalb kurzer Zeit gesund. Jomaa bekommt eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Die Ergebnisse werden 1999 im renommierten Magazin Science veröffentlicht.

Im Rausch des wissenschaftlichen Erfolgs will Jomaa mehr, will reich werden mit seiner Entdeckung. Alles, was er zu der Zeit anpackt, gelingt. Warum nicht auch eine Unternehmensgründung? Er lässt Fosmidomycin als Malaria-Medikament patentieren, gründet die Jomaa-Pharmaka GmbH und wird deren Geschäftsführer. "Ich war völlig naiv, dachte ganz simpel: 500 Millionen Menschen haben Malaria, wenn wir davon die Hälfte erreichen und an jedem eine Mark verdienen, haben wir 250 Millionen Mark!"