Jetzt treiben die Zahlen mit den vielen Nullen auch Jim Conley die Hitze in die Stirn. Der massige Inhaber einer amerikanischen Lokalmediengruppe lehnt sich weit in seinem weißen Plastikstuhl zurück, fährt mit der Hand verzweifelt durch ergraute Haarsträhnen und sucht nach einem Punkt an der Decke, der den Blick festhält. Nur nicht auf die Anzeigentafel blicken, die in Hunderttausender-Schritten unerbittlich weiterspringt. Gebannt sieht Conley doch wieder auf das digitale Zifferblatt. Bei 2,5 Millionen Euro bleibt es schließlich stehen. Das war im vergangenen Dezember in der Nähe von Osnabrück, als das bislang teuerste Auktionspferd der Welt seinen Besitzer gewechselt hat. Die junge Stute geht an einen niederländischen Geschäftsmann – sie gilt als große Hoffnung für die Olympischen Spiele 2008.

Paul Schockemöhle, Veranstalter der Reitpferde-Auktion, kann zufrieden sein. Auch mit den übrigen Kandidaten. Aus aller Welt sind die Kunden ins niedersächsische Ankum gereist, durchschnittlich 220000 Euro haben sie für ein Spitzenpferd von Schockemöhle oder seinem Partner Ullrich Kasselmann bezahlt. "Mondpreise", schimpft die Branche.

Doch nicht nur hier, im Sporthotel des mehrfachen Olympiasiegers, geben sich solvente Pferdeliebhaber aus den USA, aus Mexiko, aus Kanada und der Ukraine die Klinke in die Hand. Auch bei kleineren, weniger prestigeträchtigen Auktionen legen internationale Kunden die Tausender auf den Tisch. Warmblutpferde aus deutscher Zucht gelten als leichtgängig, fügsam, ausdauernd und leistungsstark. Hiesige Spring- und Dressurpferde sind international begehrt wie nie. "Seit den siebziger Jahren nimmt der Anteil der ausländischen Käufer bei unseren Auktionen stetig zu, heute liegt er bei etwa 50 Prozent", sagt Enno Hempel vom Verband hannoverscher Warmblutzüchter. "Vor allem aus Asien und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion kommen immer mehr Interessenten", bestätigt Tanja Becker vom Oldenburger-Verband diesen Trend. Etwa die Hälfte aller Pferde, die bei internationalen Turnieren starten, stammt aus deutscher Zucht.

Auch dank der kaufkräftigen Auslandskundschaft hat sich der deutsche Pferdemarkt zu einem Geschäft mit einem jährlichen Umsatzvolumen von rund 240 Millionen Euro gemausert. Fast 300000 Menschen, schätzt die Branche, leben direkt oder indirekt vom Geschäft mit dem Pferd. Das entspricht in etwa der Beschäftigtenzahl eines großen deutschen Automobilkonzerns.

Doch die Pferdewirtschaft ist weit undurchsichtiger als ein börsennotiertes Unternehmen. Pferde werden hierzulande traditionell auf Bauernhöfen oder von Privatleuten nebenbei gezogen. Insgesamt 27 regional oder nach Rasse strukturierte Zuchtverbände übernehmen ihre Auswahl und Vermarktung. Die Verbände veranstalten Fohlenprüfungen, beurteilen bei der so genannten Körung, ob ein Hengst zur Zucht zugelassen werden darf, vertreten die Züchter auf Messen und knüpfen Kontakte zu neuen Kunden.

Vor allem aber konkurrieren sie heftigst um die Spitzenplätze bei großen Turnieren. Der Weltzuchtverband gibt monatlich eine Liste mit einem Punkt-Ranking der Turnierpferde im Profisport heraus – die entscheidende Wertung für den Zuchterfolg. "Meistens liegen die Hannoveraner vorn", erzählt Enno Hempel mit Genugtuung. Kein Wunder, rund 19000 registrierte Stuten fressen die Wiesen rund um das niedersächsische Verden leer. Andere deutsche Rassen wie Westfalen, Oldenburger oder Holsteiner kommen nur auf etwa halb so viele Pferdedamen. Doch auch sie belegen auf den Listen des Weltzuchtverbandes vordere Plätze. Deutlich kleinere Brötchen backen dagegen die ost- und süddeutschen Züchter. Jeweils zwei- bis viertausend Stuten sind bei den Berlin-Brandenburgern, den Hessen oder den Bayern registriert. Über gemeinsame Veranstaltungen, besonders auffällige Messestände oder persönliche Kontakte nach Übersee versuchen sie, den etablierten Playern Paroli zu bieten.

Abschaffen will die Kleinstaaterei jedoch niemand. Der harte Wettstreit der Zuchtverbände untereinander gilt als Hauptgrund für den internationalen Erfolg hiesiger Warmblutpferde. Weil jeder mehr Schleifchen gewinnen will als der andere, achten die Verbandsvertreter besonders gründlich auf Zucht und Vererbung: "Bevor ein männliches Fohlen gekört wird, muss es über Jahre hinweg immer wieder mehrtägige Tests durchlaufen", erzählt Oldenburger-Vertreterin Tanja Becker. Auf hartem Pflaster traben, frei springen, im Schritt gehen; ohne Reiter, mit Reiter oder an einer Ausbildungsleine, der Longe – "das Pferd muss nicht unbedingt das Zeug zum Champion haben, aber Leistung, Ehrgeiz und einen guten Bewegungsablauf erkennen lassen", sagt Becker.