Im Alter von 71 Jahren ist vorige Woche der wohl einflussreichste Architekt Berlins gestorben, Josef Paul Kleihues. Seit den sechziger Jahren hatte er sich die Rolle einer Leitfigur strategisch erarbeitet, und nur zu einem Teil verdankte er seinen Einfluss der Architektur. Viele seiner Bauten gerieten eher aseptisch und kühl, sein Frühwerk, die Hauptwerkstatt der Berliner Stadtreinigung, ebenso wie der elegante Umbau des Hamburger Bahnhofs in Berlin oder sein markantes Museum für Chicago. Immer blieb der "poetische Rationalismus", den sich Kleihues selbst zuschrieb, im Schatten seines älteren Kollegen Ungers. Die eigentliche Stärke von Kleihues lag in der diplomatischen und politisch ingeniösen Art, in der es ihm gelang, architektonische Diskurse zu ermöglichen und in politikfähige Projekte zu übersetzten.

Alles begann auf dem Tiefpunkt der deutschen Nachkriegsarchitektur. Mit grotesken Betonburgen hatte die Moderne ihr Vertrauen verspielt, und es drohte eine existenzielle Krise des Architektenstandes. Es war Kleihues, der diese Krise nicht nur abwenden konnte, sondern den Architekten gar als Retter aus der Not stilisierte. Seit den frühen sechziger Jahren waren die Qualitäten der alten europäischen Stadt wiederentdeckt worden, von Aldo Rossi oder Wolf-Jobst Siedler. Aber erst Kleihues gelang es, die Erkentnisse der Theoretiker in städtebauliche Masterpläne zu überführen – und er fand dafür das Ohr der Politik.

Stadt, so seine Botschaft, muss wieder zum Anliegen von Architektur als Baukunst werden. Und damit dies gelingen konnte, suchte er nach neuen Methoden. Architektur als Hochkultur wurde von ihm als mediales Ereignis, als Event inszeniert. Die Akteure rekrutierte er nicht mehr aus der lokalen Szene, sondern gleich aus dem globalen Starsystem. Das Stück hieß "Europäische Stadt" und zielte vor allem auf die Wiederherstellung des historischen Stadtgrundrisses.

Berlin West war damals die ideale Spielwiese für diese Architekturpolitik. Mit der Internationalen Bauausstellung konnte er als Regisseur in nur acht Jahren von 1979 bis 1987 einen Teil der Kreuzberger Friedrichstadt bespielen. Sein genialer Leitbegriff war "Kritische Rekonstruktion". Dabei wurde das Kritische, in Anspielung an die Kritische Theorie Adornos, von dem liberalen, katholischen Weltbürger Kleihues durchaus ernst gemeint. Eingebunden in den Grundriss der Stadt, konnte die Architektur pluralistisch und innovativ sein. Nicht nur die Postmoderne eines Rob Krier oder Charles Moore, sondern sogar die neomoderne junge Avantgarde erhielt eine Chance, Koolhaas ebenso wie der noch unbekannte Libeskind.

Allerdings reduzierte Kleihues Stadt immer auf Architektur. Zur sozialen Realität des schrumpfenden Berlins wahrte er Distanz. Das Bauen war ihm zeitlebens ein "elitärer Prozess", wie er sagte; Bürgerbeteiligung überließ er anderen. So blieb auch Stadt für Kleihues immer etwas Aseptisches.

Nach der Vereinigung konnte die Kritische Rekonstruktion zum Leitbild werden, das dem Boom der Neuen Mitte verordnet wurde. Der Machiavellist Kleihues behielt seinen Einfluss. Was früher aber mit dem Florett geschah, wurde zusehends mit bürokratischem Säbel durchgesetzt, der Rationalismus verlor das Poetische, die Rekonstruktion das Kritische. Doch verweigerte sich Kleihues stets dem preußischen Klassizismus seiner Schüler. Die liberale Offenheit bleibt sein wichtigstes Vermächtnis.

Werner Sewing