Ein berühmter Name kann eine Bürde sein. Wolfgang J. Mommsen, der am Mittwoch der vergangenen Woche bei einem Badeunfall in Bansin auf Usedom ums Leben kam, teilte mit seinem Zwillingsbruder Hans das Schicksal, Sprössling einer Historiker-Dynastie zu sein, die in der deutschen Wissenschaftsgeschichte ohne Beispiel ist. Der Urgroßvater, Theodor Mommsen, war einer der bedeutendsten Forscher im deutschen Kaiserreich. Für seine Römische Geschichte erhielt er 1902 den Nobelpreis für Literatur. Er verstand sich als politischer Gelehrter in der liberalen Tradition der 1848er, verabscheute das autoritäre Regiment Bismarcks und zog im Berliner "Antisemitismusstreit" 1879 gegen die antijüdischen Hasstiraden seines Kollegen Heinrich von Treitschke zu Felde.

Die gleiche kompromisslose Liberalität ließ sein Enkel, der Vater von Wolfgang und Hans, eher vermissen. Wilhelm Mommsen, seit 1929 Professor für Neuere Geschichte in Marburg, zählte zwar als Mitglied der liberalen Deutschen Demokratischen Partei zu den wenigen Anhängern der Weimarer Republik in der Historikerzunft. Doch war auch er nach 1933 nicht davor gefeit, sich mit dem neuen Regime gemein zu machen. 1945 wurde er von der amerikanischen Besatzungsmacht aus seinem Amt entlassen. Die Jugendzeit der 1930 geborenen Zwillinge war überschattet vom vergeblichen Kampf des Vaters um die Wiedererlangung der Marburger Professur.

Dennoch entschieden sich Wolfgang und Hans Mommsen nach einigem Zögern für das Studium der Geschichte, und beide machten Karriere. Wolfgang promovierte 1959 bei Theodor Schieder in Köln mit einer glanzvollen Arbeit über Max Weber und die deutsche Politik 1880 bis 1920. Darin präsentierte er den Gelehrten, der ein Meisterschüler seines Urgroßvaters gewesen war, als Kritiker des Wilhelminismus und Befürworter des liberalen Verfassungsstaates – gewissermaßen als die nicht zum Zuge gekommene Alternative der deutschen Geschichte. Max Weber blieb sein Fixstern. An der Universität Düsseldorf, wohin er 1968 berufen wurde, trieb er das Projekt einer Max-Weber-Gesamtausgabe voran, lange Jahre auch als Mitherausgeber.

Die Frage, wie es zur deutschen Katastrophe von 1933 hatte kommen können, war das Lebensthema der Mommsen-Brüder. Während Hans sich auf Weimar und das "Dritte Reich" konzentrierte, beschäftigte sich Wolfgang vor allem mit der Vorgeschichte, der Bismarckschen Reichsgründung und dem zweiten Kaiserreich. Er krönte sein Werk mit den beiden Bänden in der Reihe "Propyläen Geschichte Deutschlands": Das Ringen um den nationalen Staat (1850 bis 1890) und Bürgertum und Weltmachtstreben (1890 bis 1918). 1998 legte er eine viel beachtete Geschichte der "ungewollten Revolution" von 1848 vor. In den letzten Jahren kehrte er immer wieder zur "Urkatastrophe" des 20. Jahrhundert, dem Ersten Weltkrieg, zurück.

In einem seiner letzten Bücher (War der Kaiser an allem schuld?, 2002) wandte er sich dagegen, Wilhelm II. zum Allein- oder nur Hauptverantwortlichen für das Scheitern der deutschen Politik vor 1914 zu erklären. Es müsse auch nach dem Anteil der preußischen Machteliten gefragt werden. Das Streben nach Gerechtigkeit verband ihn mit einem anderen Großen der Zunft, mit dem 1992 verstorbenen Thomas Nipperdey, von dem ihn sonst, politisch wie methodisch, vieles trennte. Wolfgang Mommsen zählte, neben Hans-Ulrich Wehler, Heinrich August Winkler, Jürgen Kocka, seinem Bruder Hans, zu den prominenten Vertretern der sozialliberalen Historikergeneration, die in den sechziger Jahren antrat, die westdeutsche Geschichtswissenschaft von verstaubten konservativen Traditionen zu befreien und für neue Fragen und Methoden zu öffnen. Politisch streitbar wie sein Urgroßvater, hat er sich in den großen Kontroversen – ob im "Historikerstreit", in der Debatte um den "deutschen Sonderweg" oder um die Verstrickung der Historiker in den Nationalsozialismus – zu Wort gemeldet. Unvergessen ist, wie er sich auf dem Frankfurter Historikertag 1998 für seinen Lehrer Theodor Schieder in die Bresche warf und darüber mit seinem Bruder Hans aneinandergeriet.

Liberale Streitlust verband sich mit selbstverständlicher Weltläufigkeit. Von 1977 bis 1985 leitete er das Deutsche Historische Institut in London; es war auch sein Verdienst, dass die deutsche Geschichtswissenschaft wieder Anschluss im Westen fand. Als Vorsitzender des deutschen Historiker-Verbandes (1988 bis 1992) meisterte er die Aufgabe, die DDR-Historiker in die Geschichtswissenschaft der Bundesrepublik zu überführen. Zum Abschluss seines Lebenswerks plante er eine große Max-Weber-Biografie. Der Tod hat ihn mitten aus einem überaus produktiven Leben gerissen. Mit ihm verliert die deutsche Geschichtswissenschaft einen ihrer herausragenden Repräsentanten.

Volker Ullrich