Saarbrücken grenzt an Frankreich und ist auch sonst interessant. Manches politische Talent stieg aus dieser Stadt empor, das unversehens auch wieder dort landete. Außerdem soll man in Saarbrücken gut essen, heißt es.

Die Regionalbahn, die, aus romantischen Tälern der Nahe kommend, ins Saarland vorstößt, bietet viel für Aug’ und Ohr. Der Reisende sieht Wald, ein paar Montanbetriebe und deren Nachfolger sowie zahllose kleine Häuser. "Die Eigenheimdichte ist im Saarland größer als in Baden-Württemberg", sagt Peter Dörrenbächer später, ein Geograf an Saarbrückens Universität. "Die Berg- und Stahlarbeiter hier wohnten nicht zur Miete wie im Ruhrgebiet, sondern im Eigenheim. Baumaterial gab’s vom Arbeitgeber. Die Arbeiter kamen aus dem Umland und sind eigentlich immer Arbeiterbauern geblieben. Konservativ eben."

Zwei Frauen steigen ins Abteil. "Du, wir sind in der Raucher", sagt die eine. Wer sich für diese Sprache interessiert, wird bei Ludwig Harig fündig, der über Saarbrücken schreibt: "Es ist kleiner wie Krefeld, nicht so klein als Leverkusen, aber fast genauso groß als wie Mülheim an der Ruhr." Da kreisen die spitzen Gegensätze so lange umeinander, bis alles rund ist. Darauf angesprochen, bestätigt Reinhard Klimmt, der in Osnabrück aufgewachsene, sozialdemokratische Erz-Saarbrücker, dass die bewegliche Koexistenz der Gegensätze "ein saarländischer Charakterzug" sei. Der zeigt sich nicht zuletzt in den Eskapaden und Affären, die der Politik des Saarlands und ihrer Hauptstadt Farbe verleihen.

Am 5. September, dem Tag der Landtagswahl, wird in Saarbrücken auch der Oberbürgermeister gewählt. Oder eine Oberbürgermeisterin?

Der Zug fährt ein. Der Bahnhof liegt nördlich. Drei Erkundungsrouten bieten sich an: die westliche, die östliche und die südliche.

"Ich bin festgeklebt", sagt einer, der sich als "Hartz Vier" vorstellt

Ungefähr 100 Stadtstreicher verzeichnet Saarbrückens Armutsbericht. Auf dem Weg nach Westen stellt sich bald der Eindruck ein, man sei ihnen allen begegnet. Die Straße führt in den Stadtteil Unteres Malstatt, und die Ladenfront sieht aus wie die Zahnreihe, mit der die PDS auf Plakaten gegen die Gesundheitsreform mobil macht. Ansonsten finden sich mehr Spielhallen als anderswo, mehr Secondhand-Läden, und – ähnlich wie im westlichen, entindustrialisierten Ruhrgebiet – wenige Straßenschilder. Man bleibt eh im Quartier. "Ich bin festgeklebt", sagt einer, der sich als "Hartz Vier" vorstellt. Fast ein Viertel der Anwohner lebt von der Sozialhilfe. Ein Stadtteilbüro organisiert seit 25 Jahren Kinderfeste, Nachbarschaftshilfe, billiges Essen und eine Stadtteilzeitung. Zwischen ihren Zeilen verschafft sich der Frust über die Passivität der Malstatter Luft.

Wenige Schritte weiter, und man ist in Burbach, wo es ähnlich zugeht wie im Unteren Malstatt. Vor Jahren noch verband sich der Name dieses Stadtteils mit Betriebsbesetzungen unter den Klampfenklängen von Hannes Wader, roten Fahnen und ausgepfiffenen Gewerkschaftsführern. Heute fällt vielen Menschen bei "Burbach" der Kinderschänderfall "Pascal" ein. Erfreuliches gibt es in Burbach aber auch, und zwar an einer Hochstraße namens "Hochstraße". Die eine Front säumen zwar zerfallende Mietshäuser, die andere indes gibt den Blick frei auf ein betriebsames Gewerbegebiet.