Die Olympischen Spiele von Athen beginnen gut. Ich schwitze, und im Fußballturnier schlägt der Irak den Favoriten Portugal. Ein Portugiese wird des Feldes verwiesen. Er heißt Boa Morte, schöner Tod.

70000 Tonnen Eisen wurden für das Dach des neuen Olympiastadions gebraucht. Das Dach hielt. Zunächst ging es noch um die Frage, wer die olympische Flamme entzündet. Kenteris durfte nicht, der Wunderläufer. Der hätte zu einer Dopingkontrolle antreten sollen. Dann lag er im Spital und erholte sich angeblich von einem Motorradunfall.

Dabei ist es schwierig, einen Motorradunfall zu produzieren in diesen seltsamen Tagen von Athen. Die Straßen sind leer. Eine Stadt ist dabei, sich neu zu entdecken. Die Leute sind vor dem vermuteten Desaster geflohen, die paar, die ausgeharrt haben, fallen sich bei jeder Gelegenheit um den Hals und versichern sich staunend, dass alles zum Besten steht.

Im Luftgewehrschießen wird die Schweizerin Gabi Bühlmann ihrer Favoritenrolle nicht gerecht. Die Nerven versagen, und sie landet auf dem 27. Platz. Nach den Spielen, so erzählt sie enttäuscht in der Pressekonferenz, will sie sich wieder auf ihren Beruf konzentrieren. Sie ist Psychologin, ihr Fachgebiet die mentale Betreuung von Spitzensportlern.

Olympia ist eine Heldenfabrik, macht und vernichtet Helden im Minutentakt. Der iranische Judoka Arash Miresmaeli, Weltmeister in der Klasse des Halbleichtgewichts, will gegen den ihm zugelosten Gegner aus Israel nicht antreten. Aus Solidarität zum palästinensischen Volk, sagt er. Später stellt sich heraus, dass er sich vor allem seinem Koch gegenüber solidarisch verhielt: Er wird suspendiert, weil er das erlaubte Gewicht nicht einhalten kann.

Ich gehe zu den Kunstturnerinnen, wo in der wunderschönen Olympiahalle meine eigene Heldin auf ihren Auftritt wartet, Daiane dos Santos, 1,45 Meter groß. Sie ist 21 Jahre, sie hat weibliche Formen, eine Frau inmitten ausgehungerter kleiner Mädchen, ihre Sprungkraft ein Wunder der Natur. Im Salto schwebt sie 2,80 Meter über dem Boden, fast so hoch wie der Basketballkorb. Ihre Spezialität heißt Doppelsalto gestreckt mit doppelter Drehung, keine andere macht es ihr nach, ein Teil der Wertung Super E, höchster Schwierigkeitsgrad. Nur: Wird sie den Sprung stehen mit ihrem eben wieder operierten Knie? Weit weg, in Brasilien, halten jetzt die Menschen den Atem an, und die Stimmen der abgesandten Reporter, Schreihälse aus Berufung, überschlagen sich. Die Fußballmannschaft hat sich nicht für Olympia qualifiziert, auf einer kleinen schwarzen Frau aus dem Vorort von Porto Alegre lasten jetzt die Träume eines Landes.

Und wieder wächst und fliegt Daiane weit über sich hinaus, unbeschwert von jeder Last, Finale geschafft, auch ich wische mir ein Tränchen aus den Augen.