Spremberg/Niederlausitz

Im Umgang mit ihrer Geschichte müssten die Spremberger eigentlich vorsichtig geworden sein. Zumindest seit dem Tag, an dem die Stadt 1893 eine 1000-Jahr-Feier beging, obwohl längst bekannt war, dass der eigens bestellte Gutachter die Nachweise für dieses Millennium nicht hatte finden können. Diesen Irrtum haben die Stadtschreiber inzwischen korrigiert. Doch blättert man in der Chronik, scheint es, als wäre Spremberg sich auch späterer Zeiten nicht ganz gewiss. Ausgerechnet im 20. Jahrhundert wird die Zeittafel lückenhaft. Über die Jahre 1933 bis 1934 erfährt der Leser lediglich, dass der Marktplatz neu gepflastert und ein Brunnen versetzt wurde. Die nächste Eintragung findet sich erst wieder unter dem 23. April 1945. "An diesem Tag", heißt es, "gehen die seit dem 16. April 1945 andauernden, unmittelbar die Stadt betreffenden Kampfhandlungen mit der Vernichtung der … eingeschlossenen deutschen Verbände durch Truppen der 1.Ukrainischen Front zu Ende. Im Ergebnis der Kämpfe ist das Stadtzentrum zu 85 Prozent zerstört."

Eine Schlacht wie aus dem Nichts. Davor zwölf Jahre, in denen anscheinend nichts Weltbewegendes geschah. Diese Lücke im Gedächtnis der Stadt ist in Spremberg offenbar kaum aufgefallen. Bis zu diesem Sommer, als der Name Spremberg plötzlich bundesweit Schlagzeilen machte.

Im Mittelpunkt der Schlagzeilen standen der langjährige Bürgermeister Egon Wochatz und seine Treffen mit Veteranen der SS. Doch hinter den umstrittenen Kranzniederlegungen auf dem Friedhof von Spremberg steht viel mehr. Wer hier nachforscht, erfährt viel über die Verwüstungen, die der Zweite Weltkrieg in der kleinen Stadt in der Lausitz und die DDR-Diktatur bis heute in der Erinnerung ihrer Einwohner hinterlassen haben.

Egon Wochatz war früher Geschichtslehrer. Nach der Wende wählten ihn die Spremberger zu ihrem Bürgermeister. Seit drei Jahren führt er die Fraktion der CDU im Spree-Neiße-Kreis. Im Juni 2004, als der Bundeskanzler in der fernen Normandie erstmals am Gedenken an die Landung der Alliierten vor 60 Jahren teilnahm und auch in Spremberg ein deutsch-französisches Fest gefeiert wurde, traf sich Wochatz mit ein paar besonderen Gästen. "Wie jedes Jahr", sagte er später der Lokalzeitung.

Auf dem Georgenbergfriedhof über der Stadt legten Wochatz’ Gäste Kränze nieder. "Unseren gefallenen Kameraden TK Frundsberg" stand auf den goldbedruckten Schleifen und: "Ihre Ehre hieß Treue". Die alten Kameraden, mit denen sich der Bürgermeister regelmäßig traf, waren Veteranen der SS, die im April 1945 in Spremberg gekämpft hatten.

Die Aufregung war groß. Journalisten schrieben über den "Hohmann von Spremberg". Der brandenburgische Landtagswahlkampf befeuerte den Skandal. Selbst die Junge Union Brandenburg forderte Wochatz zum Rücktritt auf. CDU-Landeschef Jörg Schönbohm polterte zunächst, überließ die Entscheidung dann aber dem Kreisverband. Dort geschah wenig. Wochatz entschuldigte sich und versprach, sich künftig von SS-Treffen wie rechtsextremen Positionen abzugrenzen. Seine Partei hält das Ganze für erledigt. Doch inzwischen musste der Bürgermeister einräumen, dass auch junge Rechte an den Treffen und der Kranzniederlegung teilgenommen hatten. Mit Stahlhelm hatten sie der SS-Kameraden gedacht. An dieser Stelle enden vorerst die überregionalen Schlagzeilen und beginnt die Geschichte über Erinnerung, Verklärung und Verdrängung – über ein typisches Stück ostdeutscher Vergangenheit und Gegenwart.