Auf den noch unbeschriebenen Seiten der Weltgeschichte, unter dem Stichwort "Ziviler Ungehorsam", wird eines Tages vielleicht zu lesen sein, dass der Schriftsteller Erich Loest die Leipziger Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV angezettelt habe. Als Beweisstück für seine revolutionäre Rolle könnte abgedruckt werden: eine Polemik zur Krise der frisch restaurierten Heldenstadt – verfasst 15 Jahre nach Leipzigs Aufbruch in die Freiheit und wenige Wochen nach dem Scheitern der Olympiabewerbung. Am 9. Juli 2004 forderte Erich Loest in der Leipziger Volkszeitung, endlich über die Arbeitslosen, die Hilfsempfänger, die Schmalrentner zu reden. Am 9. August zogen die Arbeitslosen dann zur Nikolaikirche. "Ich will, dass die Armen zu Wort kommen und ihre Bedürfnisse anmelden", hatte Loest geschrieben. Bürgersinn! Notstand! Die Leipziger sollten sich bloß nichts einbilden, von wegen weltstädtisch, sondern erst mal vor ihrer Haustür kehren. "Da liegt noch Hundedreck, haufenweise."

Der Hundedreck war die Pointe des Artikels, mit anderen Worten: dass es in Leipzig gewaltig stinkt. Erich Loest ist nicht nur bekannt für seine Renitenz, sondern ebenso sehr für seine Unverblümtheit, seinen Widerwillen gegen alles Parfümierte, Diplomatische. Wenn man ihn in diesen hektischen Tagen, zwischen Montagsdemo und Montagsdemo, anruft und fragt, was er von dem ganzen Aufruhr hält, dann muss er nicht lange grübeln, sondern sagt: "Kommen Sie vorbei, ich muss Ihnen sowieso erzählen, was schief läuft."

Es herrscht ja dieser Tage nicht nur Aufruhr im Osten, sondern auch Erklärungsnotstand im Westen. Genervt blickt der Solidarbeitragszahler nach Magdeburg, Dresden, Leipzig. Ist noch nicht genug Geld in der mitteldeutschen Industriebrache versickert? Können die nicht endlich mal dankbar sein, dass sie die freie Marktwirtschaft haben? Aber nein. Sie meckern. Auf dem Leipziger Rathausmarkt wird gebaut, die Schaufenster in der Mädlerpassage sind frisch geputzt, aber die Sachsen haben nichts Besseres zu tun, als sich vor der Nikolaikirche zusammenzurotten. Trampeln auf den schönen neuen Gedenkpflastersteinen herum, die an die gelungene Revolution 1989 gemahnen sollen, abends sind sie übrigens beleuchtet. Wenn die Umfragewerte stimmen, wird die PDS demnächst bei den Wahlen in Brandenburg und Sachsen das große Rennen machen.

Erich Loest ist unter den vormaligen DDR-Intellektuellen vielleicht der Einzige, der das Problem aus nächster Nähe kennt und es trotzdem mit gebührender Distanz beurteilen kann. 1926 in Sachsen geboren, hat er nach dem Krieg die sozialistische Utopie für sich entdeckt. Aber schon damals in den Fünfzigern, als Student am Literaturinstitut Johannes R. Becher, konnte er die Schnauze nicht halten, und als 1956 das Wort Entstalinisierung aufkam, half Loest kräftig mit, es in Umlauf zu bringen. Die Idee, dass man unter allen Umständen vor der eigenen Haustür kehren müsse, hatte bereits von ihm Besitz ergriffen. Es hat dann auch nicht lange gedauert, bis er wegen "konterrevolutionärer Gruppenbildung" verhaftet wurde. Sieben Jahre saß er im Zuchthaus Bautzen, das hat ihn natürlich nicht gefügiger gemacht. Die DDR seiner Romane jedenfalls sollte später stets ein wenig unbehaglich wirken, und den Helden seiner Erzählungen fehlte jeglicher Sinn für die Bedeutung ihrer historischen Mission, sie hatten einfach keinen sauberen proletarisch-progressiven Geschichtsinstinkt.

Über das Scheitern der Leipziger Olympiabewerbung ist er ganz froh

Manchmal konnte man das Problem, das Loest mit dem Staatssozialismus hatte oder, richtiger, der Staatssozialismus mit ihm, gleich am Buchtitel ablesen: Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene erschien noch im Mitteldeutschen Verlag, seine Autobiografie Durch die Erde ein Riss veröffentlichte er bereits im Westen, wohin er 1981 übergesiedelt war. Anders als die meisten seiner ausgereisten, ausgebürgerten Kollegen hat sich der Verfasser von Nikolaikirche und Völkerschlachtdenkmal jedoch seine Sehnsucht nach dem Osten bewahrt. 1990, kaum dass die Mauer weg war, kehrte er im Triumph zurück. "Ich habe meine Heimat wiederbekommen!" 1996 kürten die Leipziger ihn zum Ehrenbürger.

Jetzt sitzt er in seiner sonnigen Stube in Leipzig-Gohlis, auch so eine Gegend mit sagenhaft günstigen Altbauwohnungen. Vierter Stock, moderner Fahrstuhl, vom Balkon aus blickt man weit übers Land. Drinnen die Bücher, draußen Hartz IV. Erich Loest trägt eine helle Sommerhose, ein optimistisches Hemd. Wenn er spricht, blickt er seinem Gegenüber prüfend ins Gesicht, er ist genauso angriffslustig wie wahrscheinlich schon 1979, als er sich mit dem Schriftstellerverband der DDR überwarf, oder Mitte der Achtziger, als er sich im westdeutschen Verband stritt. Übernächstes Jahr wird er 80, er sieht aus wie 60, er kann nicht klagen. Aber auf die alberne Kaffeekränzchendebatte, was den Ostdeutschen denn nun vom Westdeutschen unterscheide, wird er sich nicht einlassen. Das ist für Leute, die sich draußen im Land nicht auskennen, die materialistisches Denken nicht gelernt haben. Besserverdienende, Dummsteller, Politiker. Was ist im Osten anders? Die vom Sozialismus ererbte Sklavenmoral sei natürlich ein Problem. "Einmal Sklave, immer Sklave", sagt ein Professor in Loests jüngstem Roman Reichsgericht. Im Grunde lasse sich der Unterschied auch ganz einfach ausdrücken, nämlich in Arbeitslosenzahlen. 20 Prozent sind es in Sachsen, 29 Prozent in Sachsen-Anhalt, die Quoten sind doppelt so hoch wie in den meisten Gegenden im Westen. Gründe genug zum Demonstrieren, hier, wo die Arbeitslosigkeit als überall gegenwärtig empfunden wird. Loest jedenfalls, während die Leipziger noch immer ihren größenwahnsinnigen Olympiaplänen nachtrauern, hat es gewagt, sich in der Zeitung öffentlich über die Niederlage zu freuen.

Endlich sei man wieder auf den Boden der Tatsachen hinabgestürzt und könne sich mit der eigentlichen Misere befassen. Das Problem ist nur: Einer wie Loest kann sich mit den Demonstranten nicht solidarisieren, er muss die Sache von ferne verfolgen, seit sich die PDS an die Spitze der Bürgerproteste gemogelt hat.