Heute soll es ein sehr persönlicher Text werden. Ich bin ein normaler Mensch, ich habe Gefühle wie ihr alle. Als die Rechtschreibreform eingeführt wurde, musste ich eine Reportage über den Anführer der Antireformrebellen machen, einen bayerischen Deutschlehrer. Das war ein mir persönlich recht unangenehmer Patron, ein Besserwisser und Brotzeittrachtenjankerbazi und eitel bis zum Gehtnichtmehr. Daraufhin war ich spontan für die Reform und habe mit viel Krawumm allerlei Kommentare in dieser Richtung geschrieben. Ich bilde mir meine Meinung meistens emotional, anschließend suche ich, meistens im Internet, sachlich-intellektuelle Argumente, die zu meinen Gefühlen passen. So machen es fast alle Kommentatoren. Aber ich bin der Einzige, der es zugibt.

Mein persönliches Rechtschreibverhalten habe ich nicht verändert, außer dass ich aus Herdentrieb dass statt daß geschrieben habe wie alle. Die Kommentare für die neue Rechtschreibung habe ich ausnahmslos in alter Rechtschreibung verfasst. Zwischen meiner Lebenspraxis und den von mir vertretenen Auffassungen besteht ein Widerspruch, gewiss. Das ist aber ebenfalls bei allen so. Ich wollte mir die neuen Regeln immer mal in Ruhe anschauen, aber dann war irgendwas am Boot kaputt oder Handwerkerärger, was weiß ich. Man kommt zu nichts. Am Anfang habe ich die Texte durch das Rechtschreibprogramm im Computer gejagt, aber das dauert ewig, da habe ich es nach einer Weile wieder gelassen. Es hat sich nie jemand beschwert. Die neue Rechtschreibung ist mir praktisch schnurz, obwohl ich sie, wie gesagt, theoretisch befürworte, aber keiner merkt was. Keiner sagt: "Hey, jetzt ist es schon zwei Jahre in Kraft, jetzt könntest du wirklich mal wieder erkennen schreiben statt wiedererkennen." Sie haben es gedruckt, wie es geschrieben war. Mein persönlicher Stil geht so: "In deinen Zügen, Yvonne, kann ich meinen verstorbenen Großonkel wiedererkennen." Aber: "Der Alkoholnebel ist weg, Yvonne, endlich kann ich dich wieder erkennen." Das ist mein Stil. Er wird akzeptiert. Jeder kann schreiben, wie er will. Wo ist das Problem? Wenn sie wieder die alte Rechtschreibung einführen, passiert eines bestimmt nicht, und das wäre, dass ich wieder daß statt dass schreibe, dass das mal klar ist. Ich lasse mich nicht rumschubsen. Ich habe auch Gefühle. Ich bin auch ein Rebell.

Jetzt habe ich, zum ersten Mal, im Duden nachgeschaut, wie man ein Wort in neuer Rechtschreibung schreibt, nämlich "wiedererkennen". Es steht auf Seite 830, 21.Auflage. Ergebnis: Der Duden weiß es auch nicht. Sie haben zwischen dem "wieder" und dem "erkennen" zwar eine Lücke gelassen, aber die Lücke ist deutlich kleiner als die zwischen "wieder" und "entdecken" in dem Wort genau darüber. Sie ist allerdings eine Spur größer als die Lücke im Wort "wiedererlangen" genau darunter. Ich habe den Duden mehreren Kollegen mit rasierklingenscharfen Augen gezeigt. Sie haben auf die Lücke geschaut. Sie haben den Duden ganz nahe an ihre Augen gehalten, dann ganz weit weg. Schließlich sagten sie: "Wahnsinn. Aus dem Duden geht nicht eindeutig hervor, wie wiedererkennen zu schreiben ist." Wo also ist das Problem?