Die letzten Tage habe ich kaum geschlafen. Jeden Tag ins Flugzeug steigen, Interviews geben, Soundcheck, Konzert, die Party danach. Ich bin entsetzlich müde. Meine Plattenfirma ist in Brüssel, meine Wohnung in New York, meine Familie in Rio. Ich lebe unterwegs.

Wenn ich schlafe, bin ich eine leidenschaftliche Träumerin. Manchmal schreibe ich meine Träume auf. Vor kurzem hatte ich einen besonderen Traum. Ich träumte, dass ich ein Baby erwartete. Ich war schwanger. Und das, obwohl ich mich in der Situation befand, in der ich wirklich lebe. Das heißt: Ich habe zwar einen Freund, aber wir planen nicht zusammenzuziehen. Er wohnt in New York und wird bald nach Los Angeles zurückgehen, wo er herkommt. Normalerweise bin ich sehr romantisch und schmiede Pläne. Aber diesmal mache ich mir nicht allzu viel daraus. In meinem Traum traf ich die Musiker meiner Band und sagte: "Ich habe vergessen, euch etwas zu erzählen: Ich bin schwanger." Sie fragten: "Wie hast du das denn gemacht?" Ich wusste es auch nicht genau. Es fühlte sich an, als wäre ich einfach durch eine Entscheidung schwanger geworden. Kein Mann war daran beteiligt. Ich hatte das Baby allein gemacht. Ich war vielleicht im dritten Monat und hatte noch keinen Bauch, aber ich konnte es schon fühlen. Ich fühlte mich verpflichtet, es zu beschützen. Keine Partys mehr. Keine Reisen. Deshalb ging es mir schlecht, als ich aufwachte, und trotzdem war ich glücklich.

Im wahren Leben würde ich natürlich kein Kind haben wollen ohne eine richtige Familie. Also weiß ich nicht, ob und wann ich ein Kind bekommen werde. Ich dachte: Vielleicht ist das Baby mein neues Album und meine neue Show. In den letzten Monaten habe ich dafür sehr viel durchgemacht, all die Proben und Vorbereitungen. Gestern habe ich diese Show zum sechsten Mal gespielt. Irgendwie ist das Baby schon geboren.

Ich glaube, ich habe solche Träume, weil ich nie eine richtige Familie hatte. Mein Vater und meine Mutter trennten sich, als ich noch klein war. Meine Mutter reiste viel. Ich lebte die meiste Zeit bei meinen Großeltern. Ich wünsche mir eine Familie. Irgendwann möchte ich nach Hause kommen, und da sind ein Mann, Kinder, ein Hund, eine Katze und ein Hase. Ich möchte Gutenachtlieder an der Bettkante singen. Mein Vater hat mir häufig zum Einschlafen etwas auf der Gitarre vorgespielt, selbst als ich schon 30 war. Er spielt immer. Ich habe ihn gerade in New York getroffen. Wir haben einen Abend miteinander verbracht, und er spielte die ganze Zeit für mich. Er wohnt in einem Hotel in Rio und spielt den ganzen Tag Gitarre. Mein Vater ist kein Party-Mensch. Er arbeitet dreimal mehr als ich. Wie ein Wissenschaftler. Er ist besessen.

Ich bin in jenem Teil von Ipanema aufgewachsen, wo auch das berühmte Lied The Girl From Ipanema entstand. Unser Haus war nur eine Querstraße vom Strand entfernt. Als ich erwachsen wurde, musste ich aus Brasilien flüchten. Vor meinem Namen. Ich ging wieder nach New York, wo ich auch geboren bin. Dort hoffte ich meine eigene Kunst zu finden. Es war wichtig für mich, meine Heimat zu verlassen, an einen Ort zu ziehen, wo nicht jeder meinen Vater kennt. Ich bin einen harten Weg gegangen. Ich war Kellnerin, Babysitterin, alles Mögliche. Das fand ich besser, als in brasilianischen Restaurants zu singen, wo die Leute Bohnen essen und sagen: Schau, die Tochter von João Gilberto, hier ist sie also angekommen. Ich wusste immer, wer ich war. Es war nicht wichtig, dass ich einen berühmten Vater hatte.

Eines meiner Lieder heißt Aganjú. Aganjú ist ein Orixá, ein Geist. In Brasilien bekommt jeder bei der Geburt seinen Orixá genannt. Ein Orakel sagt, welcher Orixá zu einem Menschen gehört. Der Geisterglaube heißt Candomblé. Er stammt aus Afrika und wurde von den Menschen in Brasilien lange Zeit hinter der Fassade des katholischen Glaubens versteckt.

Der Orixá steuert deine Seele, er bestimmt, was in deinem Kopf vorgeht. In Bahia zum Beispiel werfen die Frauen ein Orakel mit Muscheln. Menschen, die dieser Religion wirklich folgen, orientieren sogar ihre Ernährung am Charakter ihres Schutzgeistes. Sie denken, sie füttern den Geist, um sich selbst zu schützen. Sie opfern ihm Speisen. Sie singen Lieder für ihn und beten. Du kannst dein Leben auch als Hingebung an deinen Geist verstehen. Es gibt auch bestimmte Farben, die den Geist irritieren. Früher zum Beispiel trug ich viel schwarze Kleidung. Das war nicht gut für meinen Orixá.

Er heißt Omulú. Das ist ein Heiliger, dessen Gesicht man nie sieht; er hält es stets bedeckt. Er hat oft Hunde bei sich, die seine Füße lecken. Er hat viele Krankheiten, die er für die Menschen auf sich nimmt. Menschen, deren Orixá dieser Omulú ist, beschützen andere vor Krankheiten und bekommen sie dafür selbst. Omulú ist ein sehr alter Geist. Und sehr stark. Menschen, die diesen Orixá haben, können sehr alt werden.