Zu den populärsten Lügen in der für ihre Verlogenheit berühmten Modebranche gehört die Behauptung, dass schöne Arbeitskleidung unendlich viel schwerer zu kreieren sei als schöne Freizeitkleidung. Man muss jedoch nur einen beliebigen Quelle-Katalog mit dem Katalog eines beliebigen Arztkittel-Versandhauses vergleichen, um festzustellen, dass offenbar das Gegenteil der Fall ist. Während man bei Quelle binnen kürzester Zeit mindestens zehn Outfits findet, in denen bereits die Models unvorteilhaft aussehen (und um wie viel peinlicher werden erst wir selbst in der rosa Cargohose, dem Paillettenkleid für 19,99 Euro wirken?), sucht man bei den Arztkitteln vergeblich nach einem misslungenen Exemplar, das geeignet wäre, darin eine schlechte Figur abzugeben.

Was Stilsicherheit betrifft, haben die Hersteller von Berufstrachten einen immensen, historisch bedingten Wettbewerbsvorteil, denn sie schöpfen aus einem Fundus von Repräsentationsformen, der auf die Amts- und Standestrachten des Mittelalters zurückgeht. Mühsam, über Jahrhunderte hinweg, wurde die Gewissheit erarbeitet, dass Kleidung unserem beruflichen Ansehen zuträglich sein sollte: dass zu einem grobknochigen norddeutschen Apotheker am besten der "Eppendorfer Mantel" mit Taillennaht und plissierter Rückseite passt und dass man als Oberschwester auf Bermudashorts lieber verzichtet. Die Hersteller von Freizeitkleidung hingegen sind sich in der Bermudadebatte weiterhin uneins, sie schlagen sich noch immer mit den theoretischen Grundlegungen einer Mode herum, die im Reich der nicht näher definierten Zwecke getragen werden kann. Die große Frage lautet, was der Mensch nach 18 Uhr beziehungsweise außerhalb des Arbeitslebens eigentlich darstellt.

Fitness-Studio-Benutzer, Punk oder Hobbygärtner sind beliebte und leicht auszustaffierende Rollenmodelle, lösen jedoch das eigentliche Problem nicht: wie man unter den Bedingungen der Massenkultur Konfektion für Individualisten herstellt, also serienmäßige Kleidungsstücke, die der Sehnsucht des Feierabend-Nonkonformisten nach Einzigartigkeit Ausdruck verleihen und gleichzeitig seinem Hang zum Kollektiv Rechnung tragen. Die meisten Kunden sind ja Kompromissler und wünschen daher kompromisslerische Kleidung. Es ist ungefähr so dilemmatisch wie in Monty Pythons Leben des Brian, als ein Stadion voller Römer im Chor schreit: "Wir sind alle Individuen!" Nur einer ruft mit schüchterner Stimme: "Ich nicht!"

Um nun am konkreten Beispiel den historischen Vorsprung der Arztkittelmode gegenüber der Strickjackenmode zu ermessen, empfiehlt sich ein Blick in einschlägige Fernsehserien wie die Schwarz waldklinik. Wann hätten Doktor Wussows Patienten annähernd so elegant ausgesehen wie der Doktor selbst? Die Diskrepanz zwischen dem verlässlichen Verschönerungseffekt klassischer Arbeitsbekleidung und dem ambivalenten Reiz privater Garderobe ist eine anthropologische Konstante, die bisher viel zu wenig Beachtung gefunden hat. Empirische Belege lassen sich auch in Gerichtssälen, Zimmermannsbetrieben, Hotelfoyers, vor allem aber auf Flughäfen sammeln, wo massenhaft Uniformierte und Privatiers aufeinander treffen.

Wer Uniform trägt, ist trotz breiter Hüften und kurzer Beine schön

Rätselhafterweise sehen 90 Prozent der Stewardessen in ihren dunkelblauen Kostümen und deren Variationen besser aus als die Passagiere in ihren fantasievollen Urlaubskleidern. Als Begründung wird gern ins Feld geführt, dass die Personalabteilungen der Fluglinien nur besonders aparte Mitarbeiter engagieren. In Wahrheit ist das Flugpersonal aber gar nicht so viel schlanker, größer, ebenmäßiger als der durchschnittliche Bürokaufmann oder die normale Mathematikprofessorin. Die Schmalschulterigkeit, Breithüftigkeit und Kurzbeinigkeit der Stewardessen fällt nur weniger auf. Denn ihre Arbeitsuniform, wie die militärische Uniform, von der sie abgeleitet ist, dient ja nicht nur dazu, Autorität zu stärken. Sie soll hauptsächlich das verschönerungsbedürftige Mängelwesen Mensch in Form bringen: Bauchansätze kaschieren, flache Hinterteile überspielen, all die intimen Details, die die Welt nichts angehen, diskret verbergen.

Die Schutzfunktion der herkömmlichen Arbeitskleidung betrifft nämlich auch den Schutz der Öffentlichkeit vor dem unkontrollierbaren Selbstoffenbarungstrieb des Einzelnen. Die Bauchfrei-Pullover der Schulmädchen und die Rückenfrei-Kleider der Society-Damen, die Städtenamen-Sweatshirts der Lokalpatrioten und die Bomberjacken der Rechtsradikalen sind Symptome einer allgegenwärtigen neumodischen Aufdringlichkeit, die der Soziologe Richard Sennett als Tyrannei der Intimität bezeichnet hat. Sie wurzelt unter anderem im Freundschaftskult des 19. Jahrhunderts und der damals salonfähig gewordenen Plaudersucht. Während Zivilisiertheit einst bedeutete, aus der Distanz heraus gesellschaftliche Beziehungen aufzubauen, pflegt man heute mit jedermann eine demonstrative Vertrautheit. Schamlos wird das Private in der Öffentlichkeit ausgebreitet, und so schreit einem auch die Kleidung alle möglichen Bekenntnisse entgegen: über die politische oder die sexuelle Orientierung des Betreffenden, wo er vor drei Jahren Urlaub gemacht hat, welche Sportart er betreibt, dass er bei Benetton einkauft, dass er mal auf einem Konzert von Rammstein war.

Wer der Geschwätzigkeit der zeitgenössischen Mode beständig ausgesetzt ist, wird allergrößtes Verständnis für jene alte Tante aufbringen, die sich stets in Matrosen, Soldaten, Polizisten verliebte, aber bei näherer Bekanntschaft regelmäßig enttäuscht war. Das meiste, was unsere Freizeitkleider mitteilen, ist leider höchst banal, und dementsprechend operieren wir mit inkonsistenten, schnell veränderlichen Zeichen. Im Gewirr der täglich auf uns einprasselnden modischen Andeutungen sind Arbeitsuniformen ein Refugium der Diskretion und der Eindeutigkeit: Orange gekleidet sind die Männer von der Müllabfuhr, schwarz sind die Cordhosen des Zimmermanns, hellgrün die des Steinsetzers, weiß ist die Mütze des Kochs.