Ein Gerichtsurteil ist in der Welt, das niemals Recht setzen darf. Bleibt es bestehen, werden Historiker irgendwann einmal schreiben, es sei im Sommer 2004 gewesen, als die Folter wieder Einkehr nach Europa hielt. Slippery slope, schlüpfriger Abhang, heißt im Englischen das Terrain, auf das sich jeder begibt, der über den Nutzen der Folter sinniert. Zwei hohe Richter vom britischen Appellationsgerichtshof sind jetzt weit hinuntergerutscht. Nur halb so schlimm, urteilen sie, ist die Folter, wenn Fremde sie befehlen.

Wie kam es dazu? Zehn Ausländer hatten den Court of Appeal in London angerufen, um Beschwerde gegen ihre Haft im berüchtigten Belmarsh-Gefängnis (ZEIT Nr. 21/04) einzulegen, das auch "britisches Guantánamo" genannt wird. Dort sitzen derzeit zwölf mutmaßliche islamistische Terroristen ein, ohne dass Anklage gegen sie erhoben worden wäre. Nach den Anschlägen vom 11. September erließ die Regierung Anti-Terror-Gesetze, die es erlauben, verdächtige Ausländer auf unbestimmte Zeit zu inhaftieren. Die zehn Gefangenen klagen, sie hätten nie eingesperrt werden dürfen, denn die sie belastenden Aussagen stammten von Gefangenen aus Guantánamo Bay und vom amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Baghram in Afghanistan. Dort aber seien unmenschliche Behandlung und Folter bekanntermaßen eher die Regel als die Ausnahme – mithin dürften Aussagen von Insassen dieser Camps nicht in einem Gerichtsverfahren verwertet werden.

In der Tat gehört es zum Kanon rechtsstaatlicher Grundsätze, dass ein Staat von seinen Verbrechen nicht auch noch profitieren soll. Die Früchte des verbotenen Baumes, so der schlichte Merksatz, sind Tabu für Richter und Beamte. – Ja, aber was, fragen die britischen Lords, was ist denn, wenn nicht der eigene, sondern ein fremder Staat foltern lässt? Sind dessen Früchte ebenso unantastbar? Nein, sagen zwei der drei Richter des britischen Courts. In 271 Begründungsabsätzen konstruieren sie einen absurden Unterschied zwischen Fremd- und Eigenfolter, der eines freiheitlichen Rechtsstaats unwürdig ist. Ja, die Moral… ethische Prinzipien… – selbstverständlich sei in den Beratungen des Gerichts darüber gesprochen worden, sagt Lord Justice Laws, doch: "So weit diese Debatte von mir selbst angestoßen wurde, muss ich mich dafür entschuldigen, denn ich bin zu dem Urteil gelangt, dass sie nutzlos ist." Durch viele Gesetze, Pakte und Entscheidungen habe er sich geblättert, schreibt der Richter, aber: "Ich bin gänzlich nicht in der Lage, irgendein solches Prinzip zu erkennen, das dem Minister verbietet, sich auf Beweise zu verlassen (…), die von Behörden anderer Staaten (…) durch Folter erlangt wurden oder erlangt worden sein könnten."

Und Lord Justice Pill schreibt in staatstragendem Ton: Man könne doch nicht ernstlich erwarten, dass britische Minister Nachforschungen darüber anstellen, ob diese oder jene Aussage unter Verletzung der Europäischen Menschenrechtskonvention zustande gekommen sei. "Dies würde Untersuchungen über das Verhalten befreundeter Regierungen einschließen, gegenüber denen die (britische) Regierung zur Kooperation verpflichtet ist." Im Klartext: Wir können doch den Bush nicht vor den Kopf stoßen! Im Übrigen, so Lord Justice Pill in vollem Ernst, dürfe man von der Regierung erwarten, "das Netz weit auszuwerfen, um Informationen zu erhalten".

Statt diese abenteuerliche juristische Haarspalterei zu betreiben, hätten die Richter lieber ihren Menschenverstand benutzen sollen. Denn das Prinzip ist einfach. Folter ist verboten, weil sie – aus Sicht der Folterer – funktioniert: Weil jeder für das eine (Schonung) alles tut (Lüge und Bezichtigung). Weil es, wo Folter herrscht, keine Unschuld mehr gibt. Weil der, der foltert, keine Gerichte braucht. Und weil Gerichte, die sich auf Folteraussagen stützen, ihr Wesen preisgeben. Weil jeder Richter, der Folter – wo auch immer – toleriert, damit nichts anderes sagt, als dass er bereit sei, sich belügen zu lassen. Ach was!, sagen die Londoner Lords, wir können immer noch selbst beurteilen, wie verlässlich die Beweise sind.

Vielleicht muss man dieser in Tage in London leben, um ein solches Urteil zu schreiben. Vielleicht muss man durch die U-Bahn-Tunnel fahren, die erst vor wenigen Wochen vor einem Giftgas-Anschlag bewahrt wurden. Vielleicht muss man den Klang der IRA-Bomben am Old Bailey Courthouse noch im Ohr haben. Aber als Richter muss man sich dann zum Befangenen besonderer Umstände erklären. Es gibt zum Glück noch eine Instanz über dem Court of Appeal. Deren Richter werden hoffentlich das Recht wieder gerade rücken.